Järvi/Pahud: Hosokawa/Bruckner – Tonhalle Zürich 16.08.2022

Zum Saisonstart des Tonhalle Orchesters gab es zwei Werke, die gegensätzlicher nicht sein könnten, die Uraufführung des Auftragswerkes „Ceremony“ von TOSHIO HOSOKAWA und ANTON BRUCKNERs Sinfonie-Nummer-Acht-Monstrum…

Auftakt also die Uraufführung eines Werkes für Flöte und Orchester. Das 20 Minuten dauernde Werk Hosokowas, Creative Chair der Saison 2022/23 und einer der bekanntesten lebenden japanischen Komponisten, ist natürlich toll für den Solisten EMMANUEL PAHUD, der mit seinen Instrumenten ganz im Mittelpunkt des Werkes steht. Hierzulande sind Werke Hosokaws selten zu hören, mir ist sein Werk bisher nur ein einziges mal begegnet – das „Hiroshima Requiem“ 1995 im Rahmen der Nürnberger Orgelwoche (unter Eberhard Kloke). Das Werk ist seinem ersten Interpreten Emmanuel Pahud, der mit 22 Jahren bei den Berliner Philharmonikern die Position des Solo-Flötisten übernahm, gewidmet. Und es ist wunderbar und virtuos, was man von ihm zu hören bekommt – zarteste, ja fast gehauchte Töne eröffnen das Konzert und beschliessen es, dazwischen sämtliche Facetten, die seine drei bespielten Instrumente (Querflöte, Alt- und Piccoloflöte) bieten. Die Musik ist eindringlich, leidenschaftlich und gleichzeitig sehr spirituell, es ist eine Auseinandersetzung der traditionellen japanischen Welt mit dem Heute, mit dem Hier und Jetzt. Die Töne Pahuds, der „Atem“ wie Hosokawa es nennt, sind Klänge um übernatürliche Kräfte zu beschwören – der Solist symbolisiert dabei den Schamanen, das Orchester die Welt, das Universum, die Natur, die der Schamane anruft. Ein schöner Gedanke!

Toshio Hosokowa – „Ceremony“ für Flöte und Orchester (Uraufführung): I (Teil 1: Einleitung), II (Teil 2: Das absteigende Land), III (Teil 3: Ein Ringen, ein Kampf gegen die reale Welt), IV (Teil 4: Kadenzen), V (Teil 5: Das letzte Kapitel: Läuterung) – Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 8 c-Moll

Wie immer nach Bruckner fühlt man sich am Konzertende völlig erschlagen von dieser Wucht und pathetischem Bombast. Und jedesmal denke ich mir – nie mehr diesen ollen katholischen Bruckner und dann eben doch wieder (so zuletzt vor gar nicht langer Zeit am 1.9. am Lucerne Festival mit Bruckners 4. Sinfonie unter Daniel Harding…). Und das wird erst mal auch so weitergehen, denn Bruckners Sinfonien dominieren diese Saison des Tonhalle Orchesters Zürich. Paavo Järvi setzt seine Aufnahmen fort, die dann als CD erscheinen werden. Die achte Sinfonie von Bruckner ist nach der Leichtigkeit Hosokawas schon eine Herausforderung mit seiner sich permanent aufbauenden Spannung, die sich gefühlt unendlich hinzieht, bis es dann zum Schluss zur tosenden Erlösung kommt. Und wie immer bei Bruckner das fortwährende Gefühl, dass es kein Ende nimmt, diese seltsame Apotheose sich bis ins Unendliche fortsetzt. Järvi nimmt das stellenweise erstaunlich leicht und fein, fast schon filigran und schafft einen interessanten Spannungsbogen, der für meine Begriffe jedoch die (grossartige) Akustik der Tonhalle fast schon schmerzhaft sprengt, selten ein derart lautes Konzert an diesem Ort erlebt. Beim derart auftrumpfenden Blech bleiben stellenweise die herrlichen Klänge der Streicher auf der Strecke. Das ist schade, es leidet der Gesamteindruck. Nach knapp 90 Minuten ist es dann überstanden, die Stille ist eine Erlösung. Das Publikum feiert zu Recht Hosokawa, Pahud sowie Järvi und sein famoses Tonhalle Orchester.

Zuletzt besuchte Konzerte:

Lucerne Festival: Harding/Zimmermann – Schnittke/Bruckner – KKL 01.09.2022

Lucerne Festival: Fischer/Nylund/Vogt/Grossböck: Wagner – KKL 23.08.2022

Järvi/Gerstein: Gershwin/Bernstein/Hindemith – Tonhalle Zürich 17.06.2022

Hruša: Lutoslawski – Tonhalle Zürich

Viotti/Eberle: Korngold/Strauss/Ravel – Tonhalle Zürich 27.04.2022

Matthäus-Passion: Collegium Vocale Gent/Herreweghe – Tonhalle Zürich 16.04.2022

John Adams dirigiert John Adams – Tonhalle Zürich 17.03.2022

Trevino: Adams/Elgar – Tonhalle Zürich 14.01.2022

Storgårds/Gabetta – Weber/Elgar/Brahms – Tonhalle Zürich 07.01.2022

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