Saraste/Grubinger: Bjarnason/Sibelius – Tonhalle Zürich 16.12.2022

Ach – warum kann der klassische Konzertbetrieb nicht so cool sein wie MARTIN GRUBINGER? Seine Konzerte sind immer ein Erlebnis. Bereits vor geraumer Zeit hat Martin Grubinger angekündigt, dass er zu seinem vierzigsten Geburtstag seine Solo-Multi-Percussions-Karriere beenden wird. Nun ist er also eine letzte Saison unterwegs mit dem für ihn geschriebenen Konzert „Inferno“ des isländischen Komponisten Daniel Bjarnason…

Wer Martin Grubinger live hören durfte, weiss, dass dies ein grosses Erlebnis ist. Beim Tonhalle Orchester Zürich war er ein häufiger Gast und jedes seiner Konzerte wirklich ein Ereignis. Das hat auch damit zu tun, dass er ein Sympathieträger ist, wie man ihn im Klassikbetrieb selten findet, er ist authentisch, wahnsinnig offen, dem Zuschauer nah, ein Künstler, der sich seine Natürlichkeit, seinen Charme bewahrt hat und sich auf seinen Fotos nicht in einer Photoshop-Orgie zeigt. All das ist wohltuend und trägt wohl – neben seinem künstlerischen Output – zu seiner Popularität bei. Und so verwundet es nicht, dass in der vollbesuchten Tonhalle der Applaus für ihn nicht enden will und er zwei Zugaben gibt, u.a. einen Ragtime gemeinsam mit den Kollegen des Tonhalle Orchesters. Grubinger hat das Schlagwerk von den letzten Reihen an die Rampe geholt und viele Komponisten inspiriert für diese Instrumentengruppe Werke zu schreiben, er betont in seiner kurzen Ansprache, dass dies auch Ilona Schmiel zu verdanken ist, die ihn seit fast 20 Jahren protegiert. Ein letztes mal also Grubinger als Solist in der altehrwürdigen Tonhalle Zürich mit einem Werk, dass er solistisch gemeinsam mit drei weiteren Schlagwerkern des Orchesters bestreitet – bereits der Aufbau der Percussions-Instrumente ist ein Hingucker und so muss man bei Grubinger-Konzerten immer schauen, dass man möglichst einen guten Überblick über das gesamte Orchesterpodium hat. Die Schweizer Erstaufführung von Bjarnsons „Inferno“ ist dann auch nicht nur ein musikalisch interessantes Werk, es ist ein absoluter „Blickfang“ für den Konzertbesucher. Die Komposition wurde 2017 von den Göteborger Symphonikern in Auftrag gegeben, die UA war für 2018/2019 geplant, konnte jedoch wegen Covid und einer Verletzung Grubingers erst im November 2022 stattfinden. Bjarnason sagt zu seinem Werk „Nach der Uraufführung habe ich Martin gefragt, wie das Stück heissen sollte und seine Antwort war „Hölle“. Ich hatte immer diese Vorstellung, dass ein Schlagzeuger ein Protagonist ist, der tanzt und singt, während die ganze Welt um ihn herum zusammenbricht. Und während ich Martin bei der Uraufführung spielen sah, hatte ich das starke Bild von jemanden, der allein in der Welt steht und merkt, dass er wirklich in der Hölle ist. Und das Orchester spielt diese Musik, die eine zerbröckelnde Schönheit ist. Der Solist ist manisch und versucht ein Teil davon zu werden, aber er kann nicht. Er verliert seine Stimme und wird immer manischer… Ich denke, dass „Inferno“ ein passender Titel ist.“ Das bringt dieses Konzerterlebnis mit Martin Grubinger auf den Punkt.

Daniel Bjarnason (*1979): „Inferno“ Konzert für Schlagzeug und Orchester – Schweizer Erstaufführung/ Jean Sibelius (1865 – 1957): Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43

Nach Grubingers Spektakel hat es die Musik des finnischen „Nationalkomponisten“ Jean Sibelius fast ein wenig schwer, wie soll sie gegen diesen Mega-Schlagzeug-Rumms ankommen, einem Stück bei dem Grubinger wie ein Berserker an der Marimba steht und anschliessend zu den grossen Kesselpauken schreitet um diese mit zwei weiteren Musikern fast schon feierlich zu bespielen? Grossartig war der Sibelius dennoch, JUKKA-PEKKA SARASTE dirigiert ihn auswendig, genau so pathetisch wie er zuvor analytisch das Konzert von Bjarnason geleitet hat. Zur Zeit der Komposition gab Sibelius inmitten politischen Chaos dem finnischen Volk neue Hoffnung, indem er sich musikalisch von russischen Vorbildern löste und so auch ein Zeichen für die finnische Selbstbestimmung setzte, die zu dieser Zeit sich aus der Unterdrückung von Zar Nikolaus II zu befreien versuchte. Die grosse Schlussapotheose kündigt dann auch von Hoffnung und einer guten Zukunft. Sibelius ist politisch also aktueller denn je, das Hauptthema dieser 2. Sinfonie bekommt man stundenlang nicht mehr aus dem Ohr. Musik hat so oft auch eine politische Dimension. Und mit Künstlern wie Martin Grubinger wurden und werden Wege beschritten, neues und vor allem junges Publikum in die oft so antiquiert anmutenden Konzertsäle zu bringen. Man kann es nur wiederholen: Warum kann dieser klassische Konzertbetrieb nicht immer so cool sein wie Martin Grubinger? Wir werden die Konzerterlebnisse mit ihm schwer vermissen…

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