Eines der bedeutendsten Werke im Repertoire von PINA BAUSCH entstand 1978 und wurde von der australischen Tänzerin und Choregrafin MERYL TANKARD (die bereits in der Originalaufführung mitwirkte) erneut mit einigen der damaligen Darsteller:innen in die heutige Zeit überführt. „Kontakthof – Echos of 78“ ist eine sehr intensive Reflexion über das Altern, über das Vergehen der Zeit und über die dadurch entstehenden Leerstellen – was für ein berührender Abend, der im Rahmen des Festivals „Lugano Dance Project“ im LAC zu sehen war…
Bereits die ersten Tango-Klänge zu Beginn versetzen mich in eine Melancholie, die den ganzen Abend anhalten wird, man taucht ein in Pina Bauschs Tanzsaal aus einer längst vergangenen Epoche (Bühnenbild und Kostüme: ROLF BORZIK), man ist glücklich, dass man diesen Meilenstein im Rahmen des Festivals „Lugano Dance Projekt 2026“ als Gastspiel des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch sehen kann. Auf der Gaze am Bühnenportal sehen wir einen digitalen bearbeiteten Mitschnitt der Originalproduktion (Original-Archivfilmmaterial: ROLF BORZIK, Videobearbeitung: KENNY AUG, Videoregisseurin: MERYL TANKARD), dahinter tanzen, bewegen, leben, spielen die verbliebenen Originaltänzer:innen, es sind nicht mehr viele, insgesamt acht – fünf Frauen, drei Männer – von ursprünglich 20 Menschen im Originalcast. Und das ist auch das Bewegende, das absolut Berührende dieser Produktion, diese unglaublichen Leerstellen, diese Momente, wenn jemand alleine tanzt, ohne Partner:in, die leer bleibenden Stühle im Hintergrund, gleichzeitig sieht man im Video, wie es war, vor langer Zeit. Und noch viel mehr hat sich geändert oder auch nicht, das Rollenverständnis von Männern und Frauen, die manchmal äusserst plumpe Anmache der Männer, eine Szene, bei der eine Tänzerin von mehreren Männern betascht, begrapscht, zum Objekt degradiert wird. Aus heutiger Sicht, wenn man dieses Video von damals sieht, erscheint das furchtbar, unfassbar, fragt man sich, wie das damals zur Premiere wohl ankam, im Jahr 1978 – wohl eher als gewohnte, normale Situation, alltäglich, fernab von #metoo. Alleine wegen dieser Reflektion lohnt sich der Besuch dieser Neuauflage, denn es sind natürlich vor allem diese Echos, die mich als Zuschauer beschäftigen, die noch lange nachhallen. Aber natürlich auch wegen der immer noch äusserst starken Präsenz der Tänzer:innen ELISABETH CLARKE, JOSEPHINE ANN ENDICOTT, LUTZ FÖRSTER, JOHN GIFFIN, (ED KORTLANDT), BEATRICE LIBONATI, ANNE MARTIN, ARTHUR ROSENFELDT und MERYL TANKARD, die mittlerweile alle zwischen 70 und 80 Jahre alt sind und kurz vor der Pause auf Stühlen aufgereiht an der Rampe sitzen, sich präsentieren und vorstellen, von sich privat erzählen, was sie machen, was sie heutzutage beschäftigt, wie ihr heutiges Leben aussieht – das ist äusserst rührend (vielleicht auch ein wenig „fishing for compliments“…) und genau mit diesem Gefühl geht man dann auch in die Pause. Interessant finde ich wirklich und nachhaltig diese Dominanz der abwesenden Personen, man blickt auf das Video, vergleicht die Bewegungen früher und heute, die Gesten und man stellt fest, sie sind mit den Jahren sicherlich nicht mehr so kraftvoll und energetisch, haben dafür aber eine ganz eigene Eleganz, Ruhe und Gelassenheit (und natürlich ist es Tanztheater per se…), das ist wunderbar, gleichzeitig fragt man sich nach dem Verbleib, nach der Historie der nicht mehr Anwesenden – es ist tatsächlich eine Interaktion zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das ist für mich das zentrale Thema in dieser Neuauflage und irgendwo habe ich gelesen, dass es sogar Pina Bauschs Wunsch war, dass es nach vielen Jahren ein Revival mit den gealterten Tänzer:innen geben soll, nun hat sie das selbst nicht mehr erlebt, aber Meryl Tankard, die ja selbst auch mit auf der Bühne steht, hat dies ganz hervorragend umgesetzt.
Und auch wenn man wohl manche der Szenen heute anders gestalten würde – etwa, wenn Endicott und Tankard mit Schleifen im Haar kokett ein locker flockiges Duett dahin tänzeln, ganz girlie-like im flatternden Hemdchen, Baby-Doll, whatever it is – so hat man nie das Gefühl, dass dieser Abend verstaubt wirkt, die Rituale, das „Balzen“ zwischen Männlein und Weiblein findet wohl immer noch so oder ähnlich statt, wohl nicht mehr in derartigem klassischen Tanzsschul-Setting, sondern verlagert auf Tinder und anderen Kanälen und Dating-Portalen, was bleibt, ist auch heute immer noch das dominierende Männerverhalten und das ist eine weitere erschreckende Erkenntnis dieses Abends (nebst den Leerstellen…), unsere Gesellschaft hat sich nicht so sehr verändert. Einzig die Musikauswahl würde man wohl heute anders wählen, stattdessen hört man für zwei Stunden immer noch Musik, die nach alten Schellackplatten und deutscher Nachkriegsbiederkeit klingt (Bertal-Maubon-Daniderff, Jimmy Dorsey, Anton Karas, Juan Llossas, Jean Sibelius, Jack Stapp, Harry Stone), aber wohl genau das trägt auch seinen Teil zur Melancholie bei, die über diesem Abend liegt. Interessant finde ich die Tatsache, dass wir das Stück mit einer heutigen Distanz sehen, ich kann mir jedoch sehr gut vorstellen, wie das damals auf das Publikum gewirkt haben muss zur Entstehungszeit, als ihnen von Pina Bausch ein Spiegel vor Augen gehalten wurde und sich viele wohl auf der Bühne wiedererkannt haben dürften.
Das LAC Lugano bietet immer wieder spannende Gastspiele, zu denen sich die Reise lohnt (nebst dem Gefühl, hier kurz in den Ferien zu sein…) – zuletzt etwa im Rahmen von STEPS die grossartige Produktion „HAMMER“ von Alexander Ekman mit der GöteborgsOperans Danskompani. Und auch jetzt bei diesem Gastspiel von „Kontakthof – Echoes 78“ hat man das Gefühl, bei etwas Grossem und nicht mehr wiederholbaren Event dabei gewesen zu sein. Alleine dieser Gedanke ist ganz wundervoll.
What’s next auf meiner Tanz-Agenda? Es geht auch für mich langsam in die Sommerpause und in der neuen Saison 26/27 starte ich wohl mit der WA der wunderbaren Produktion „Oiseaux Rebelles“ (Dani Rowe/Mats Ek) des Zürich Ballett…
Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:
Romeo und Julia – Zürich Ballett 30.05.2026
New Works: Hakobjan/Jung – Ballett Basel 10.05.2026
GöteborgsOperans Danskompani: HAMMER (Ekman) – STEPS / LAC Lugano 29.03.2026
Tanzkompanie St. Gallen: Echos – Theater St. Gallen Premiere 14.03.2026
Shechter II: In the Brain – STEPS / Theater Gessnerallee Zürich 13.03.2026
Timeframed: Forsythe/Valente/Foniadakis/van Manen – Zürich Ballett 25.01.2026
B.Dance: Alice – Theater Winterthur 17.12.2025
Der Nussknacker/Goecke – Ballett Basel Premiere 13.12.2025
Eyal/Arias/Tanzkompanie St. Gallen – Theater St. Gallen Premiere 29.11.25
Der Liebhaber/Goecke – Ballett Basel 09.11.2025
Béjart Ballet: Ballet for Life – Theater 11 Zürich 07.11.2025