Kurz vor dem Saisonende fahre ich noch nach Bern, um eine der Vorstellungen der Uraufführung von SALVATORE SCIARRINOs Oper „L’AGAMENNONE“ zu sehen und wow – was für ein musikalisch dichtes und packend inszeniertes Werk in einem spannenden Setting, in dem man als Zuschauer hautnah und gefühlt mittendrin – quasi Zeuge – ist, in dieser Spirale aus Mord und Totschlag der Atriden…
Es ist auch immer wieder dieses wuchtige Thema was mich fasziniert, immer erlebt man es neu und anders erzählt und immer wieder finde ich das äusserst spannend und erlebe neue Blickwinkel und Einblicke und nun bereue ich es fast ein wenig, dass ich nicht zur ebenfalls in Bern laufenden Inszenierung der „Orestie“ von Anja Behrens gefahren bin. Aischylos „Orestie“ hat mich schon immer fasziniert, natürlich in unzähligen Vorstellungen von Strauss‘ „Elektra“ oder zuletzt in einer fabelhaften Vorstellung der „Orestie“ am Luzerner Theater (2023), thematisch verarbeitet als Tanzproduktion „Oresteia“ in St. Gallen (2025), interessant aufgearbeitet in „Orest in Mossul“ von Milo Rau als Übernahme am Schauspielhaus Zürich (2019) oder schon etwas länger her – ebenfalls als Opern-Uraufführung – an der Oper Zürich: „Orest“ von Manfred Trojahn (2017) nach Euripides, quasi als Fortsetzung von Strauss‘ „Elektra“. Und so war es eigentlich für mich naheliegend nach Bern zu fahren. Regisseur DAVID HERMANN und sein Team (Bühne: BETTINA MEYER, Kostüme: AXEL AUST, Licht: BERNHARD BIERI) haben im Zuschauerraum einen Laufsteg installiert, der an der Bühnenrückwand in der Brandmauer beginnt – Troja symbolisiert – und in Argos, in den letzten Reihen des Parketts, endet. Und wie man an der Einführung vernehmen konnte, hatte dies auch praktische Gründe, denn die enorm grosse Orchesterbesetzung hat nicht genug Platz im Graben und so hat man sich für diese szenische Lösung entschieden. Wir blicken also auf den Weg des Heimkehrers Agamennone (TIMOTHY CONNOR mit ausdrucksstarkem Bariton!), der nach vielen Kriegsjahren zurückkehrt, nach Hause, wo sich Clitemestra/Klytämnestra (Amazing! und mein persönliches Highlight: IRIS VAN WIJNEN – was für eine Präsenz und Stimme!) bereits anderweitig mit Aegisth vergnügt. Es ist ein beschwerlicher Weg, er ist gezeichnet, ein kriegsmüdes Wrack, auf Gehhilfen schafft er es nur schwer das Ziel zu erreichen, selbst der für ihn ausgerollte rote Teppich ist und bleibt eine Hürde. Der Laufsteg ist die Spielfläche, wir blicken auf diese Spirale an Gewalt und Mord, es gibt kein Entrinnen, das Geschehen nimmt seinen Lauf, was kommt kann nicht aufgehalten werden, das erinnert doch sehr an die heutige Zeit, in der man fast hilflos zusehen muss, wie die Welt, der Frieden, die Umwelt zerstört wird, aus den Fugen gerät ohne eine Möglichkeit es aufzuhalten. Und so sitzt man im ersten Rang (für dieses Stück ein famoser Platz) und blickt auf all diese Begegnungen und grossartigen Auftritte, sei es Clitemestra, die sich einer Spinne gleich immer wieder aus ihrem Versteck (das Tor von Argos) wagt oder eine der Schlüsselszenen des Werks, eine lange und packende Szene der Seherin Cassandra (PATRICIA WESTLEY). Aber eigentlich beginnt alles mit den ersten Erklärungen eines wartenden Dieners (ganz wunderbar der Countertenor TOBIAS HECHLER, der immer wieder zwischen Brust- und Kopfstimme hin und her wechselt, glaubhaft nervös vor dem aufziehenden Unheil). Man ist Voyeur und beobachtet, man weiss was kommen wird, kann nichts dagegen tun und genau das, all dieses Unheilvolle ist auch zu hören, liegt in der ganz tollen filigranen Musik Sciarrinos verborgen, für mich klingt es den ganzen Abend auch etwas geheimnisvoll, nie hört man das Prinzip Hoffnung in dieser interessanten Orchestrierung dieses Auftragswerks für die Bühnen Bern, das von CLÉMENT LONCA ganz hervorragend betreut wird. Das BERNER SYMPHONIEORCHESTER musiziert diese sehr anspruchsvolle Partitur bravourös, der von ZSOLT CZETNER einstudierte Chor (der hinter dem Orchester platziert ist) ebenso. Das hervorragend besetzte Ensemble dieser Uraufführung, denen Sciarrino die Rollen wirklich auf den Leib geschrieben hat, wird ergänzt durch WILLIAM MEINERT als Herold und als Bürger:innen von Argos: ANDRIES CLOETE, ALEXANDRA LEWIS, AMBER OPHEIM und PETER STRÖMBERG. Und zuletzt erscheint dann doch auch noch Orest, als dunkler stummer Rächer aus der Zukunft im futuristischen Outfit mit schwarz verspiegeltem Helm und schreitet seiner vorbestimmten Tat entgegen, bevor alles im unerwartet schnellen Backout endet. Hier erst merkt man, wie tief man in diese dunkle, düstere Stimmung eingetaucht war und sich nun beim Applaus wieder in der Realität 2026 befindet. Was mir sehr stark an diese Vorstellung in Erinnerung bleiben wird ist die immense Sogwirkung, die dichte drängende, aber niemals vordergründig untermalende Musik, die einfachen in dunklen Farben gehaltenen und doch detailreichenden Kostüme von Axel Aust, dieser dunkle nahbare Eindruck des Geschehens, diese Unausweichlichkeit der Taten, die grosse und sehr beeindruckende 20minütige Szene von Patricia Westley als Cassandra und am imposantesten die grossartigen Auftritte von Iris van Wijnen als Clitemestra. Überhaupt gab es sehr viel choreografisch einstudierte Archaik der einzelnen Figuren, was sehr zum Gesamteindruck beiträgt (Choreografie: JEAN-PHILIPPE GUILOIS) und absolut stimmig ist.

In seinem Vorwort zur Partitur bringt Sciarrino diese über allem stehende Figur der Clitemestra auf den Punkt: „Eine Tür steht im Mittelpunkt der Handlung. Als mächtiges Symbol vereint und trennt die Tür Leben und Tod; man kann sie durchschreiten, aber man kehrt nie durch sie zurück. Nur die Königin tritt herein und wieder heraus und übernimmt so die Rolle einer höllischen Macht“. Und genau das zeigt uns Regisseur David Hermann in starken Bildern, die noch lange nachhallen. Bravo!
Eine äusserst geglückte Produktion! Es kann sich glücklich schätzen, wer die Möglichkeit hatte sie zu sehen…
Whats next? – Die Saison neigt sich (gefühlt) dem Ende entgegen, es bleibt noch der neue „Tannhäuser“ in Zürich und dann der Sommer…
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
556: La forza del destino – Bühnen Bern Premiere 03.05.2026
555: La clemenza di Tito – Oper Zürich 29.04.2026
554: Fin de Partie – Theater Basel Premiere 12.04.2026
553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026
552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026
551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026
550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026
549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026
548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026
547: Carmen – Oper Zürich 21.01.2026
546: Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025