Normalerweise geht die Sonne auf, wenn SOL GABETTA die Bühne betritt, heute ist das Podium und der grosse Saal der Tonhalle Zürich zappenduster, man legt viel Wert auf Atmosphäre an diesem von FLORIANE BONANNI konzipierten und inszenierten Abend, dazu liest THOMAS SARBACHER Texte von Robert Walser… – macht das Freude oder ist das zu gewollt?
Konzerte mit Sol Gabetta – Fokuskünstlerin der Saison 2025/26 – sind immer toll, also warum nicht mal etwas Kammermusik mit ihr und den Cellist:innen des Tonhalle Orchesters? Klang ganz gut in der Ankündigung vor vielen Monaten, mit dem Hinweis, dass das genaue Programm folgt. Kurz vor dem Konzert wird dann klar, das nun feststehende populär-musikalische Potpourri (spricht ja nichts dagegen!) wird literarisch untermalt von THOMAS SARBACHER gelesenen Auszügen aus Robert Walsers „Das Beste, was ich über Musik zu sagen weiss“, das gibt mir zu denken, das kann gut werden oder absolut geschmäcklerisch und mir schwant fast, dass dies eventuell nichts für mich ist, denn bei derartigen Events bin ich zunächst einmal eher skeptisch, lasse mich aber gerne überzeugen und so sitze ich ungewöhnlicherweise an einem Montag im grossen Saal der Tonhalle Zürich und versuche offen zu sein und zu bleiben…
Gabriel Fauré: Prélude aus Suite „Pelléas et Mélisande“ op. 80 (Arr. Renaud Guieu) – Wolfgang Amadeus Mozart: Andante aus Sinfonie Es-Dur KV 16 (Arr. Renaud Guieu) – Robert Schumann: aus den „Kinderszenen“ op. 15 (Art. Renaud Guieu): „Von fremden Ländern und Menschen“, „Kuriose Geschichte“, „Hasche-Mann“, „Träumerei“, „Kind im Einschlummern“, „Der Dichter spricht“ – Franz Schubert: „Grab und Mond“ D 893 (Art. Renaud Guieu), „Ständchen“ aus „Schwanengesang“ D 957 (Art. Renaud Guieu) – Niccolò Paganini: „Variationi di bravura (su di una corda soll) su temi del „Mosè“ di G. Rossini (Arr. Renaud Guieu) – Giuseppe Verdi: Einleitung zum 1. Akt, „Brindisi“, „Sempre Libero“ aus „La Traviata“ (Art. Roland Pidoux) – Richard Wagner: Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ (Arr. Renaud Guieu) – Claude Debussy: „Des pas sur la neige“ aus Préludes (Arr. Renaud Guieu) – Encore: Giaocchino Rossini: Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“
Der gut 90 Minuten dauernde Abend hat keine Pause, erfordert also viel Sitzfleisch und pendelt zwischen ganz wunderbaren Momenten der Kontemplation (nämlich immer dann wenn musiziert wird) und dem Störfaktor Text. Natürlich sind die eingestreuten Texte Robert Walsers für sich genommen ganz wunderbar und Thomas Sarbacher macht das auch toll, jedoch ist das Konzept ausufernd und beginnt sehr schnell zu langweilen, man sehnt das nächste Musikstück herbei, noch viel schlimmer finde ich jedoch die inszenierten Auf- und Abgänge der Musiker, die wie schlafwandlerisch, manchmal fast zombiehaft durch die Dunkelheit tapsen, um möglichst nicht zu stören, aber gerade dadurch den Fokus ziehen. Das Konzept und die Regie von FLORIANE BONANNI gehen für mich in keinster Weise auf – da musizieren wunderbare Cellist:innen miteinander auf absolut hohem Niveau, man lässt sich in diese wunderbar von RENAUD GUIEU und ROLAND PIDOUX arrangierten Preziosen fallen, taucht ein in die Musik und dann kommen blöderweise wieder Textpassagen, Pseudoszenen und unnötige Lichtwechsel in dieser eher einschläfernden Dauer-Dunkelheit, man ist eingelullt und wird immer wieder unsanft herausgerissen aus diesem doch so angenehmen Zustand. Doch halt, das stimmt nicht ganz, denn in diesem abgedunkelten Raum erscheinen die Notausgang-Lampen über den Ausgängen noch viel heller als eh schon und mir kommt dauernd Thomas Bernhards Theatermacher in den Sinn – das lenkt mich ab und stört mich dermassen, dass ich mich fast nicht mehr auf die Musik konzentrieren kann. Schade, denn die Musikauswahl ist wirklich wunderbar, mein Highlight ist sicherlich Mozarts Andante gleich zu Beginn nach dem Prélude von Fauré und unbedingt Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“, das ist so schön und grossartig arrangiert, als wäre es genau so und nur für Celli geschrieben – zum hinknien! Die Einleitung zum 1. Akt von Verdis „Traviata“ klingt wie ein Salon-Orchester, schliesst man die Augen, hat man das erhabene Gefühl, im Kaffeehaus zu sitzen (toll!) und die Paganini-Variationen nach Themen aus Rossinis „Mosè“, bei denen Sol Gabetta die Gruppe verlässt und solistisch hervortritt, sind wohl der grosse Höhepunkt in diesem Konzert, absolut virtuos und hinreissend musiziert und endlich wacht auch das Publikum etwas auf und applaudiert erstmals (davor war es wohl auch szenisch nicht vorgesehen oder erwünscht…). Und nach dem finalen Debussy ist man dann auch schon erlöst von dieser seltsamen Erhabenheit des Abends durch den begeisterten Applaus im Saal, übertroffen nur noch durch Standing Ovations des kompletten Publikums nach der Zugabe – Rossinis „Wilhelm Tell“ Ouvertüre – da gibt es für das Publikum kein Halten mehr. Bravi für charming Sol Gabetta und das famose Celloensemble des Tonhalle Orchesters Zürich (PAUL HANDSCHKE, ANITA LEUZINGER, RAFAEL ROSENFELD, SASHA NEUSTROEV, BENJAMIN NYFFENEGGER, CHRISTIAN PROSKE, GABRIELE ARDIZZONE, ANITA FEDERLI-RUTZ, IOANA GEANGALAU-DONOUKARAS, ISAURA GURI CABERO). Zugegeben, meinen Geschmack hat diese Veranstaltung überhaupt nicht getroffen, aber als Event hat das durchaus Potential, um neue Zielgruppen in die Tonhalle zu holen – so, why not….?
Whats next auf meiner Konzert-Agenda? Paavo Järvi und Igor Levit spielen mit dem Tonhalle Orchester das 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms und die 1. Sinfonie von Robert Schumann.
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