Grand Finale/Hofesh Shechter Company – Theater Winterthur 20.12.2019

Die Menschheit steuert ihrem Ende entgegen. Ein topaktuelles Thema, mit der aufgeheizten Klimadebatte und politischen Hitzköpfen in vielen Ländern mehr denn je. Der israelisch-britische Choreograph HOFESH SHECHTER zeigt dies zusammen mit seinem hervorragenden Ensemble in einem kraftvollen Stück (UA 2017 im „La Villette“  Paris) voll berückender Bilder: „Grand Finale“ – was für ein grossartig-bewegender Ballettabend! Wow!

Shechters Tanzsprache erinnert stark an Rituale, an Stammestänze. Das Ensemble tanzt, als hätte es nichts mehr zu verlieren, als ginge es um alles oder nichts. Als zelebrierte es die noch verbleibende Zeit auf dieser Welt, energiegeladen, lustvoll und gleichzeitig sieht man das nahende Ende, spürt es förmlich wie eine auf die Menschheit zurasende Welle. Diese offenbar letzten Menschen hängen am Leben und stürzen sich mit aller Wucht und Gewalt in die verbleibende Zeit, immer einen stummen Schrei des Entsetzens unterdrückend. Grossartige kraftvoll-energetische Ensembles wechseln sich ab mit leisen sanften Passagen der Live-Musiker, die flüchtlingsähnlich keinen festen Platz auf der düsteren Bühne finden und von einem Ort zum anderen ziehen (müssen), manchmal sehr präsent an der Rampe, manchmal nur als Schatten sichtbar in den Nischen, die sich zwischen den sich meist in Bewegung befindlichen Elementen, angedeuteten Mauern, Grenzen, Barrieren auftun… TOM VISSERs phantastisch atmosphärisches Licht und die modulare Ausstattung von TOM SCUTT bilden die Grundlage für diese kraftvolle Weltuntergangs-Performance. Die Tänzer bilden eine Gemeinschaft die zusammenhält, auseinanderfällt, sich wieder findet, immer begleitet vom Verlust einzelner Mitglieder dieser Gesellschaft. Neben den kraftvollen elektronischen Musiken von Hofesh Shechter himself mit seinen vorwärtstreibenden Rhythmen, lauter werdend bis zur unerträglichen Schmerzgrenze, gibt es melancholisch bis traurig-sentimentale Momente die haften bleiben, etwa beim Seifenblasenregen zu Lehárs walzerseligem „Lippen schweigen es flüstern Geigen…“ aus „Die lustige Witwe“ oder der heitere Kammerorchester-Moment mit den Live-Musikern vor dem Vorhang nach der Pause, der doch musikalisch wie optisch sofort an den Untergang der Titanic erinnern, bei dem die Musiker bis zum bitteren Ende spielten, umspült von den ansteigenden Wassermassen des kalten Nordatlantiks. Dem eigenen Untergang kraftvoll und laut entgegen gehen, mitnehmen was sich bietet, aufstehen und weitermachen. So kraftvoll und auflehnend Shechters Bewegungen sind, so sind sie gleichzeitig harmonisch, weich, fliessend. Während im ersten Teil eher die kraftvolle Auflehnung dominiert, lässt sich manchmal im zweiten Teil des Abends ein kleiner Hoffnungsschimmer erkennen, die Gruppe klammert sich aneinander, küsst, betet, bittet. Auch hier haftenbleibende Bilder, etwa wenn die Tänzer umringt von hohen Mauern leise zusammen singen. Häufig fallen einzelne Tänzer*innen in sich zusammen, werden weggetragen, unbeholfen abgelegt, erstehen an anderer Stelle neu, das ist so organisch und selbstverständlich wie der Lauf des Lebens, wie der Lauf der Dinge. Final herrscht Stille, Ruhe kehrt ein, die Menschheit verlischt, weggeschlossen in der Enge einer Grabkammer. Sieht man einen Hoffnungsschimmer, öffnet sich die hintere Wand in dieser klaustrophobischen Kammer einen Spalt und gibt doch den Weg frei in eine Zukunft? Grossartiges Ensemble, starker Abend, lautstark begeistertes Publikum, langanhaltender Applaus. Wohlverdient!!!

Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:

„Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – Ballett Zürich 10.11.2019 (Christian Spuck)

„Romeo und Julia“ – Ballett Zürich 22.06.2019 (Christian Spuck)

„Kreationen“ – Juniorballett Zürich 21.05.2019 (Portugal/Stiens/Montero)

„b.39“ – Ballett am Rhein Düsseldorf 02.05.2019 (H. van Manen/M. Chaix/M. Schläpfer)

„Don Quixote“ – The Royal Ballet London 30.03.2019 (Carlos Acosta nach Petipa)

„Nijinski“ – Ballett Zürich 17.03.2019 (Marco Goecke)

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