Der Mensch erscheint im Holozän – Schauspielhaus Zürich 01.03.2020

Eine der letzten besuchten Vorstellungen vor der zwangsverordneten Corona-Kultur-Pause war ALEXANDER GIESCHEs Umsetzung von Max Frischs Erzählung von 1979 „Der Mensch erscheint im Holozän“ als Visual Poem im Pfauen…

Visual Poem – das klingt zunächst einmal schön und vielversprechend. Und provoziert eine grosse Erwartungshaltung. Die sich dann auch einlösen muss. Zu sehen gibt es einiges – künstlich erzeugte Natur, angefangen beim endlosen Theater-Regenguss, bis hin zur Windmaschine und Kinderklettereien über Tisch und Stühle, verpacktem Fels, rotierende Baumstämme und hochtechnologische Hologramme (mit Tieren, Pflanzen und Viagra…). Soweit so schön. Und im Hinterkopf dazu immer die Ansage des neuen Leitungsteams alles umkrempeln und neu gestalten zu wollen, Theater aus der Stadt und für die Stadt soll es nun sein. Aha. KARIN PFAMMATTER und MAXIMILIAN REICHERT deklamieren die Texte, mal monologisch, mal im Dialog und zeigen dem Zuschauer das langsame Verschwinden, das Vergessen, das demente Dahingleiten des Basler Herrn Geiser, der in den Tessiner Bergen aufgrund eines Bergrutsches von der Aussenwelt abgeschnitten wird. Es verschwimmen die Ebenen der Innen- und der Aussenwelt. Ist das ganze Stück nur die letzte Erinnerung Geisers, die wir betreten, nachdem uns im Foyer eine Kinderstimme den Schluss der Erzählung vorgelesen hat? Man weiss es nicht genau. Aber das ist offensichtlich die Bildsprache von Alexander Giesche, der bereits noch vor der eigentlichen Saisoneröffnung im Herbst 2019 verschiedene Orte der Stadt mit seiner ganz netten Installation „Das Internet“ bespielt hat. Wirklich schön und bleibend sind die Projektionen zum weissen Rauschen oder etwa die amüsante Choreografie des Krankenhausbettes. Und vielleicht noch die Erkenntnis, dass die Natur uns Menschen und unser Gedächtnis nicht braucht, sondern auch ohne und nach uns weiter existieren kann. Ansonsten bleibt alles etwas vage und assoziativ, bevor am Schluss nach 2 Stunden – die stellenweise endlos erscheinen – ein grosses Tuch des Vergessens alles überdeckt. Ein Teil des Publikums steht auf und verlässt den Saal, während noch die Filmeinspielung der Dankesrede Max Frischs für den Schillerpreis aus dem Pfauen von 1974 läuft, der andere Teil bejubelt diese Produktion, so wie man eben jubelt oder jubeln muss, wenn ein Stück zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Zuletzt besuchte Schauspielproduktionen:

Orest in Mossul – Schauspielhaus Zürich 05.10.2019

10 x 10 Abschlussfest Intendanz Barbara Frey – Schauspielhaus Zürich 29.06.201

„Die grosse Gereiztheit“ – Premiere/Schiffbau 15.05.2019

„Totart Tatort“ – Schauspielhaus Zürich 28.04.2019

„Dorian Gray“ – Theater Winterthur (Gastspiel Burgtheater Wien) 29.03.2019

„Henosode“ – Schiffbau Zürich 20.02.2019

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