Die grosse Gereiztheit – Premiere 15.05.2019 Schiffbau Zürich

Das war sie also – die letzte grosse Schiffbau-Premiere der Ära Barbara Frey, bevor die scheidende Intendantin selbst noch im Pfauen „Die Toten“ (James Joyce) herausbringt und dann die beiden Herren Stemann und von Blomberg übernehmen…

Benannt nach dem vorletzten Kapitel von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ inszeniert Regisseurin KARIN HENKEL mit „Die grosse Gereiztheit“ einmal mehr einen hochinteressanten und klugen Theaterabend. Ihre letzte Produktion in Zürich „Frauen Beute Krieg“ ist immer noch sehr präsent. Fokus dieses Abends ist die politische Dimension des Romans, brisant vor allem kurz vor der Europawahl mit seinem populistischem Geschreie allerorts. Kein Wunder, möchte man da flüchten. Am besten an einen abgelegenen Ort in Davos. Das Sanatorium im Hochgebirge ist ein düsterer Ort , der nicht wirklich etwas lebensbejahendes bietet. Dazu gibt es dann köstliche Charakterstudien wie die herrlich-bildungsarme Frau Stör von FRIEDERIKE WAGNER – etwa wenn sie mit ihrem riesigen wippendem Haarwust auf dem Bett herumhoppelt oder später dann angeberisch damit prahlt, dass sie in der Lage ist, 28 unterschiedliche Fischsaucen herzustellen. Während Frau Stör plappert und plappert, ergiesst sich einer der Moribunden – GOTTFRIED BREITFUSS – in langen schwülstigen (und etwas zu lautstarken) Monologen an das Publikum, die ätherisch dahinschwebende Oberaufseherin Adriatica von Mylendonk von ISABELLE MENKE quert häufig und gespenstisch die Bühne. Alle gewandet in stilisierte  Kostüme, die aus einem Horrorkabinett entsprungen sein könnten (ADRIANA BRAGA PERETZKI). Diese  Over-the-top-Ästhethik ist sicherlich Geschmackssache (ich finde sie wunderbar), bringt aber diese nervöse unruhige Zeit auf den Punkt, Hysterie bis ins kleinste Detail. Toll die choreografierten Szenen im Speisesaal mit den Protagonisten im Fahrrad-Corso. Die Probleme der heutigen Zeit samt ihrer Kriegstreiber, Potentaten und zunehmend rechter Gesinnung (Orban, Erdogan, Trump…) in vielen Ländern wird von vielen Historikern mit der gereizten Stimmung verglichen, die damals zum Ausbruch des ersten Weltkrieges geführt hat. Diesen Roman und seine Grundstimmung auf die Bühne zu bringen, macht Sinn und ist hochaktuell. Am Ende steht die Beschreibung Castorps auf dem Schlachtfeld, dass er wohl nicht lebend verlassen wird – wiederholt sich die Geschichte? Die Ausstattung von THILO REUTHER ist multifunktionial, der Zuschauer wird mit der mobilen Tribüne mal direkt ins Geschehen gezoomt, mal nimmt er von aussen die Beobachterfunktion ein, das ist toll und zeigt einmal mehr die grossartigen Möglichkeiten dieser Spielstätte, die Krankheit und der Tod sind omnipräsent in Form von  Röntgenbildern und grossflächigen Blut-Sputa der Lungenkranken an den gekachelten Wänden. Die eher blasse Figur des Hans CASTORP wird gedoppelt (von CAROLIN CONRAD und LENA SCHWARZ gespielt) und zeigt einen etwas naiven jungen Mann, der wie zufällig hier landet und zunächst gar nicht so recht weiss, wie ihm geschieht. Das dies ein Ort zum Sterben und nicht zum Leben und Gesunden ist, merkt er dann doch recht schnell, indes entscheidet er sich für die sichere siebenjährige Geborgenheit in Davos, fernab von der realen Welt da unten. Die beiden im Roman omnipräsenten Gegen-Pole Settimbrini (FRITZ FENNE) mit seiner aufklärenden, intellektuellen Funktion und Naphtha (MILIAN ZERZAWY), der für radikale Ideologien steht, sind vorhanden, aber nicht stark ausgeformt. Das ist wohl der Straffung geschuldet und sinnvoll, denn der Abend dauert trotzdem gut 3 Stunden – die sich aber lohnen. Zum einen ist der Roman Thomas Manns – wie man sieht – topaktuell und brisant, zum anderen ist es schön, einen Grossteil des Ensembles noch ein (vor)letztes mal in einer neuen Produktion zum Ende der Ära Frey so spielfreudig zu erleben.

Zuletzt besuchte Schauspielproduktionen:

„Totart Tatort“ – Schauspielhaus Zürich 28.04.2019

„Dorian Gray“ – Theater Winterthur (Gastspiel Burgtheater Wien) 29.03.2019

„Henosode“ – Schiffbau Zürich 20.02.2019

„Frankenstein“ – Schauspielhaus Zürich 07.02.2019

„Unendlicher Spass“ – Schiffbau Zürich (Gastspiel) 13.01.2019

 

 

 

 

 

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