King Lear – Schauspielhaus Zürich 15.12.2021

Lange vermisst, doch nun: Endlich gesprochener Text im Schauspielhaus Zürich. „King Lear“ aus dem Schauspielhaus Bochum ist zu Gast und bietet perfekten Shakespeare, stringent, wortverständlich, packend von Anfang bis zum Ende…

Ein sehr dunkles Königsdrama, es menschelt allzu sehr, man versteht die Handlungsweisen der einzelnen Figuren und versteht sie auch nicht. So sind wir Menschen – immer auf der Suche nach Anerkennung, Liebe und Selbstbestätigung. Ein Stück, in dem es keine Mütter gibt, nur Väter, die um die Liebe der Kinder buhlen. Eigentlich ein Kriegsdrama, aber auch und vor allem ein Einblick in Geschwisterliebe, Neid und Missgunst. Von Regisseur JOHAN SIMONS auf diese Gefühle reduziert, das ist packend, kurzweilig, glaubhaft und verzichtet auf jeden weiteren Schnickschnack. Es braucht ein starkes Ensemble, das hat er: allen voran der grossartige PIERRE BOKMA als König Lear, mit ihm steht und fällt die Inszenierung, er ist Dreh- und Angelpunkt und Impulsgeber. Es ist diese unglaubliche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, die diese Rolle einem Schauspieler bietet. Bokma nutzt jeden Moment und fasziniert von Anfang bis zum Schluss, sämtliche Kolleg:innen auf hohem Niveau, textverständlich, präsent, wunderbar: MOURAD BAAIZ als Goneril, PATRICK BERG als Edmund, KONSTANTIN BÜHLER als Edgar, STEFAN HUNSTEIN als Oswald, MICHAEL LIPPOLD als Regan, STEVEN SCHARF als Gloucester, ANN GÖBEL als König von Frankreich und ANNA DREXLER als Cordelia/Narr. Interessanterweise stört mich bei dieser Inszenierung die Mikrofonierung nicht, das gibt dem Abend stellenweise sogar etwas sehr intimes, kammerspielartiges, in einigen Momenten fühlt es sich fast an wie ein Hörspiel, vor allem bei der wohltönenden Stimme von Steven Scharf hört man besonders gerne und genau hin, Ann Göbel in ihrer Trikolore-Radlerhose plappert ihren Text so wunderbar belanglos, dass man es nur lieben kann und Freude an jedem ihrer Auftritte hat und die wunderbare Anna Drexler ist ein kraftvolles Energiebündel, sie tobt und schimpft und wettert, ist sie doch die Einzige, die nicht alles schönredet, sondern einfach sie selbst ist, leider zu ihrem Nachteil. „King Lear“ ist sicherlich nicht das einfachste Shakespeare-Stück und in der straffen Version von Simons eine Herausforderung, an der man dran bleiben muss und zwar hochkonzentriert, zu vieles wird gesagt, was nicht verloren gehen darf. Die Neuübersetzung von MIROSLAVA SVOLIKOVA ist stellenweise erfrischend, manchmal sehnt man sich aber doch nach dem guten alten Tieck. Tolles Bühnenbild von JOHANNES SCHÜTZ (wie sie alle sichtbar im Green-Room warten, auf ihren nächsten Auftritt, ihre nächste Chance im Leben und manchmal ist die Welt eben einfach schwarz/weiss…), tolle Kostüme von GRETA GOIRIS. Und dann gibt es auch immer noch diese interessante Soundcollage, (WARRE SIMONS/ROBIN KOEK) – ist es ein bedrohliches Flügelschlagen oder das Rad der Schuld, welches sich unablässig am Himmel über den Köpfen dreht? Was haben wir das doch vermisst in Zürich. Gutes altes Schauspiel. Hochkonzentriert. Intelligent. Packend. Mehr davon. Nicht nur als Gastspiel.

Zuletzt besuchte Schauspielproduktionen:

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Ein Kommentar

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