Orpheus – Schauspielhaus Zürich/Schiffbau 22.09.2021

Der Mythos „Orpheus“ inspiriert immer wieder, mit den unterschiedlichsten Umsetzungen in jeglicher Form und Art und Weise. Nun gibt es zum Saisonbeginn eine Produktion des Schauspielhaus Zürich in der Regie von WU TSANG gemeinsam mit ihrer Gruppe MOVED BY THE MOTION im Schiffbau zu sehen…

Zunächst passiert einmal: nichts. Im Dunkel des Bühnenraums sind Personen zu erahnen, Musik setzt ein, zarte Celloklänge, Flöte, wabernde Sounds, ein angenehmer Klangteppich wird ausgebreitet (ASMA MAROOF; TAPIWAH SOHSE und PATRICK BELAGA) und lullt uns ein, bevor nach und nach der grosse schräg hängende Bühnenspiegel sichtbar wird. Man lässt sich Zeit. Man gewöhnt den Zuschauer an das eher dunkle Licht. Eurydike stirbt. Die Unterwelt liegt unter dem Bühnenboden und so dauert es geschlagene 20 Minuten, bis dieser von der Stagecrew nach und nach geöffnet wird, während man zwischenzeitlich mit einer Diashow griechischer Motive, einer kurzen Interview-Sequenz mit US-Autor Samuel R. Delany (der 1967 seine eigene Orpheus-Deutung „The Einstein Intervention“ veröffentlichte und der Regisseurin damit Material zur Inszenierung lieferte) und einem Video-Talk nach amerikanischem TV-Vorbild unterhalten wird – TOSH BASCO und THELMA BUABENG als gedoppelte Eurydike unterhalten sich und möchten eigentlich gerne bleiben, hoffen, dass Orpheus nicht auftaucht und sie zurück holt aus dem Hades. Wozu auch? Sie fühlen sich wohl auf ihrer Couch. Auch ohne Männer. Letztendlich – und nun kommt ein ästhetisch wirklich gelungener Part dieses Abends – holt der Titelheld doch noch seine Geliebte, dringt durchs Wurzelwerk und zieht sie eher widerwillig mit nach oben, kann der Versuchung sich umzudrehen jedoch (erwartungsgemäss) nicht widerstehen – nicht Y.O.D.O. (you only die once) sondern Y.O.D.T. (you only die twice) lautet nun die Devise. Eurydike stirbt erneut. Zurück bleibt Orpheus. Alleine. Vieles wird angedeutet, vieles wird textlich als Übertitelung projiziert, vieles dahingenuschelt, bleibt unverständlich, ob gewollt oder ungewollt, das weiss man nicht so genau. Ist das Stück politisch, ein Diskurs? Und wenn ja, zu welchem Thema? Spielt Queerness eine Rolle? Jede Aktion, jede Handlung, jedes Wort ist bedeutungsschwanger und versucht das Publikum mitzunehmen, bleibt alleine die Frage, wohin? Und dazu auch allzu viel Plakatives wie der abgenudelte Lonely Cowboy (RAPHAËL GEB-LORYIE als „Kid Death“), der uns zuletzt noch mit seinen Gitarren-Riffs „erfreut“ oder als Schlussbild ein Regen aus Rosenblättern – ach, die Liebe. War es das jetzt? Gibt es eine Message? Wenn doch, so muss man leider sagen, ist und bleibt sie unverständlich. „Orpheus“ ist ein wunderbarer, ein spannender Mythos, aber an ihm sind schon viele gescheitert, zuletzt wohl auch Christoph Marthaler mit seiner Neudeutung von Glucks „Orpheus und Eurydike“ an der Oper Zürich. Als Zuschauer dieser neuen Produktion, ist man geneigt, hinter allem eine Symbolik zu sehen, die es vielleicht gar nicht gibt. Das ist etwas unbefriedigend und macht diesen Abend leider sehr beliebig, die 60 Minuten Spieldauer sind dann auch vollkommen ausreichend. Wenn nicht sogar zu viel.

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