Lunea – Oper Zürich 18.03.2018

Projektionen schöner Sätze und Wortfragmente von Nikolaus Lenau, dazu die fortwährende, verstärkte und verfremdete Geräuschkulisse mit leicht säuselnder, wabernder Musik von Heinz Holliger – 23 vertonte Lebensblätter: inszeniert als lebende Bilder im Biedermeier: das ist mein positiver Eindruck der Uraufführung von Holligers neuestem Werk am Opernhaus Zürich in der Inszenierung von Andreas Homoki. Am Pult: der Meister himself…

Wie Kalenderblätter reiht sich ein Tableau an das nächste, alles bleibt in einem schwebenden Zustand und nichts wird inhaltlich wirklich greifbar. Vielmehr ist der Abend eine Collage von vermeintlich zusammenhanglosen Phrasen des österreichischen Dichters Nikolaus Lenau. Im Programmheft kann man in Kurzbeschreibungen jede einzelne der Sequenzen vor- oder nachlesen, man muss das aber nicht – man kann den Abend in seinem schwebenden Zustand einfach annehmen und wirken lassen. Der Abend ist düster, grau und von einer eigenwilligen ästhetischen Schönheit in der Ausstattung (Bühnenbild: Frank Philipp Schlössmann/Kostüme: Klaus Bruns/Licht:  Franck Evin). Andreas Homoki führt seine Sänger behutsam durch die einzelnen Lebensblätter, schafft verbindende Elemente, versucht aber nicht, einen grossen Handlungsbogen zu spannen oder etwas greifbares zu erzählen. Lässt man sich darauf ein, ist dies ein beeindruckender Abend, bei dem sich noch lange das Lenau-Zitat visuell und inhaltlich am Schluss ins Gedächtnis einbrennt:

Der Mensch ist ein Strandläufer am Meer der Ewigkeit.

(Nikolaus Lenau)

„Lunea“ fand ich persönlich spannender als die zuletzt besuchte Aufführung von Holligers „Schneewittchen“ an der Oper Basel (das lag aber wohl an der szenischen Umsetzung von Achim Freyer repetitiver Regie). Die Musik von Holliger ist eher ein Klangteppich mit vielen interessanten Geräuschen, teilweise elektronisch verstärkt und verfremdet (von Fahrradklingeln bis zu Papiergeraschel) und wundervoll unterstützt von den Basler Madrigalisten. Das Sängerensemble auf der Bühne ist grossartig besetzt, allen voran einmal mehr mit dem wunderbaren CHRISTIAN GERHAHER als Lenau. In weiteren Rollen: JULIANE BANSE, SARAH MARIA SUN, IVAN LUDLOW, ANNETTE SCHÖNMÜLLER und FEDERICO ITUARTE. Gerhaher gestaltet seinen Lenau feinfühlig und mit einer immensen Bandbreite fortwährend glaubwürdiger Gefühlszustände. Diese Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben, hat er doch vor ein paar Jahren, ebenfalls in Zürich, bereits den „Lunea“-Liederzyklus von Heinz Holliger uraufgeführt.

Das Libretto von HÄNDL KLAUS verbindet Notizen Lenaus mit biographischem Material zu einem anspruchsvollen und intellektuell fordernden Abend. Offensichtlich war Lenau eine schillernde Figur seiner Zeit, der am Ende seines Lebens im Wahn und wohl einem eigenen Universum lebte. Als Zuschauer wird man gefordert, man versucht sich mit dieser Figur zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Hilfreich ist es, wenn man diesen Abend einfach annimmt und auf sich wirken lässt. Dabei entdeckt man  viele spannende, intensive Momente. Insgesamt ein dunkler, trüber Abend mit einer grossen schwebenden Traurigkeit, so mein Empfinden. Sehenswert!

„Lunea“ von Heinz Holliger (*1939)

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