Elton John – ICH.

Man muss nicht zwangsläufig ein Fan von Elton John und/oder seiner Musik sein, um Freude an seiner vor kurzem erschienen Autobiographie zu haben. Der dicke Wälzer mit dem treffenden Titel „ICH“ liest sich flüssig in einem Zuge, ist äusserst unterhaltsam und stellenweise sehr amüsant, zeigt aber auch nachdenkliche, persönliche und weniger schmeichelhafte Seiten des Weltstars, ohne gleich sensationsheischend und oberflächlich zu sein…

Während die ersten Kapitel unverblümt und ungeschönt seine Herkunft und frühen Jahre offen legen, erfährt man nach und nach auch die bitteren Seiten auf seinem Weg –  von der Lehr- und Wanderjahre-Tingelei durch unzählige Clubs, bis zu den grossen Stadien mit Zehntausenden von Zuschauern. Und ständig wird einem bewusst und vor Augen geführt, wie viele grosse Hits eigentlich von ihm sind, die man seit vielen Jahren aus dem Radio kennt. Nun ist er also 72 und zieht ein Resümee. Einen ersten Eindruck konnte man bereits im wunderbar schrägen Biopical „Rocketman“ von Dexter Fletcher bekommen, die Autobiografie legt nun nach und intensiviert die Eindrücke.

Elton John gehört zu den erfolgreichsten Künstlern aller Zeiten. »Your Song«, »Tiny Dancer« und »Candle in the Wind« sind nur einige von unzähligen Hits seiner beispiellosen Karriere. Erstmals erzählt er jetzt die Geschichte seines außergewöhnlichen Lebens und blickt zurück auf sieben Jahrzehnte voller Höhen und Tiefen. Er enthüllt die Wahrheit über seine Kindheit im Londoner Vorort Pinner und über die schwierige Beziehung zu seinen Eltern. Reginald Dwight, der später als Elton John weltberühmt werden sollte, war ein schüchterner Junge, der heimlich davon träumte, Popstar zu werden. Im Alter von 23 spielte er seinen ersten Auftritt in den USA und begeisterte in quietschgelber Latzhose, einem sternenbesetzten T-Shirt und geflügelten Stiefeln sein Publikum. Elton John war angekommen – und die Musikwelt sollte nie wieder dieselbe sein. Seine Autobiografie »Ich« ist voller Dramatik: Angefangen bei der Ablehnung der ersten Songs von Elton und seinem Songwriting-Partner Bernie Taupin bis hin zu seinem überwältigenden Erfolg als Weltstar; von den Freundschaften mit John Lennon, Freddie Mercury und George Michael bis hin zum Disco-Tanz mit der Queen; von Selbstmord versuchen bis hin zu seiner Drogensucht, die ihn über ein Jahrzehnt lang fest im Griff hatte.  Elton schreibt auch ausführlich über seinen Entzug und den Aufbau seiner AIDS-Stiftung. Er erzählt, wie er in David Furnish die wahre Liebe fand, mit Gianni Versace im Urlaub war und auf der Beerdigung seiner Freundin Prinzessin Diana sang. Und er beschreibt, wie er plötzlich spürte, dass er Vater werden will, und sein Leben sich noch einmal völlig verändert hat. (Heyne Verlag)

Ungeschönt schreibt Elton John, der eigentlich Reginald Dwight heisst und aus dem Londoner Vorort Pinner stammt, von seinem Coming out, seinen Exzessen und letztendlich auch dem Entzug und den Therapien aufgrund seines vielseitigen Suchverhaltens – Alkohol, Drogen, Essen, Sex… In den letzten Kapiteln hat man dann das Gefühl, nun ist er angekommen, glücklich und zufrieden – dank seiner beiden Söhne und seinem Mann und grossen Liebe David Furnish. Auf dem Weg dahin grosse und schmerzhafte Verluste, viele seiner engen Weggenossen und Freunde gestorben, Schicksalsschläge wie AIDS (u.a. Freddy Mercury), Unfälle (Lady Diana), Mord (Gianni Versace) – ein aufregendes und turbulentes Leben, geprägt von vielen Höhen, Tiefen, Abstürzen. Elton John hat unzählige Welthits geschrieben und engagiert sich in seiner „Elton John AIDS Foundation“, er plaudert aus dem Nähkästchen, gibt witzige Anekdoten über bekannte und unbekannte Persönlichkeiten zum Besten (von Queen Mum bis Silvester Stallone), berichtet aber auch ungeschönt über das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter, plappert munter vor sich hin, ohne Leute wirklich zu verletzen, all dies aufgeschrieben und redigiert vom Guardian-Musikkritiker Alexis Petridis. Dazu gibt es viele Fotos aus allen Schaffens- und Lebensperioden, eine Kurzzusammenfassung wichtiger Ereignisse im Anhang sowie der Vollständigkeit halber ein Sach- und Personenregister mit allen Alben/Songs/Singles. Die Autobiographie ist unterhaltsam und macht grosse Lust, sich sämtliche Alben des Weltstars anzuhören, denn nach dem Lesen verbindet man mit vielen Songs nicht nur gute Musik, sondern eine Epoche, eine Entstehungsgeschichte, eine amüsante Begebenheit, einen traurigen und sentimentalen Moment aus dem Leben Elton Johns. Wunderbar. Lesenswert! Sehr zu empfehlen!

„Ich“ von Elton John, Heyne Verlag, 2019, ISBN: 978-3-453-20292-4 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe von zwei Bänden Rezensionsexemplare kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Heyne Verlag (Randomhouse) sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst. 

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