Arcimboldis Column #24: Die ungeplante C-Entschleunigung – Part 1

Eine Bestandsaufnahme: Seit Mitte März hat sich meine Agenda täglich immer mehr geleert. Bis vorerst Ende April nun also keine Kunst und Kultur mehr, keine Oper, kein Ballett, kein Schauspiel, kein Konzert, kein Kino, keine Ausstellungen – NICHTS in Sicht…

Das ist eine ungewohnte Situation und natürlich schade – hatte ich mich doch unter anderem auf die neue Zürcher „Arabella“ gefreut, die „Otello“-Wiederaufnahme, evtl. eine „Boheme“ mit Juan Diego Flórez, die Hopper-Ausstellung in Riehen und ein Konzert mit Currentzis in Luzern, das neue Marthaler-Stück im Pfauen und ach, nicht zu vergessen: die Wiederaufnahme des grossartigen Ballett-Abends „Emergence“ mit Stücken von Sol Leòn/Paul Lightfoot und der wunderbaren Crystal Pite. Ganz zu schweigen von der abgesagten London-Woche (u.a. mit einem Abend mit Natalia Ossipowa…). Und dann der Festspielsommer: Ob Bayreuth diesen Sommer seine Pforten öffnet sei dahin gestellt, dieses C-Virus wird uns wohl noch über Monate hinweg beschäftigen. Unzählige Gutschriftanzeigen, Rückerstattungsformulare und sonstige zu erledigende Dinge  flattern in unseren Kulturhaushalt und müssen erledigt werden. Und doch – Das Leben entschleunigt und verlangsamt sich. Man wird demütiger, besinnlicher, der Alltag reduzierter. Und das ist vielleicht auch gut so. Die Spirale dreht sich langsamer, man hält öfters einmal inne und hat Freude an kleinen Dingen, man arbeitet von Zuhause. Unzählige Bücher auf den immer höher gewordenen Lesestapeln kommen endlich an die Reihe und werden genussvoll gelesen und nicht auf „später“ verschoben. Passenderweise erscheint gerade der dritte Band der Thomas Cromwell – Trilogie von Hilary Mantel, die ich nun in einem Zuge komplett lesen will und von der mich der erste Band „Wölfe“ schon seit ein paar Tagen begeistert. Dazu viele neue Rezepte aus vielen neuen Kochbüchern (u.a. „Baltische Küche“ von Simon Bajada und „Pasta Tradizionale“ von Vicky Bennison). Zeit zum Kochen, Backen und Vorbereiten: gestern Nachmittag – Schoko-Blaubeer-Kuchen, gestern Abend – Cremiges Hühnchencurry mit Feigen, dazu grüne Bohnen mit Senfsamen und weissem Sesam, heute Abend – Sellerie-Gnocchi mit Linsensugo und so weiter. Trotz der lebensbedrohlichen Krise sind das alles schöne Aussichten. Man muss es annehmen. Und hoffen. Und warten. Und irgendwann nimmt dann das Leben auch wieder Fahrt auf. Wahrscheinlich schneller als uns lieb ist. Aber bis dahin geniessen wir die zusätzlich gewonnene Zeit, erfreuen uns an dieser ungeplanten C-Entschleunigung…

Übrigens: Verstehen kann ich den Streaming-Boom der Theater und Konzertsäle, aber es interessiert mich in keinster Weise. Ich bin höchst selten vor dem Fernseher bei einer Opernübertragung hängen geblieben. Das wird sich jetzt auch nicht ändern. Ich finde das absolut langweilig. Die Energie, die man live im Zuschauerraum spürt, die fehlt am Sofa – da kann die Inszenierung noch so packend sein und auf der Bühne stehen wer will. Das überträgt sich nicht, fesselnd nicht, packt nicht. Theater, Konzerte, Oper – ist und bleibt für mich ein grossartiges LIVE-Erlebnis. Es kommen auch wieder andere Zeiten.

Und noch etwas: Die vernünftige Besonnenheit unseres Bundesrates finde ich äusserst wohltuend. Ich persönlich fühle mich und meine Ängste in dieser Situation ernst genommen und gut betreut und beraten. Und nicht zu vergessen: Die Ruhe des Herrn Koch.

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