Lukas Bärfuss – Königin der Nacht.

Er ist einer der grossen zeitgenössischen Schweizer Autoren: Lukas Bärfuss. Mit „Königin der Nacht“ hat er ein kurzes und prägnantes Buch über seine Mutter geschrieben, dass kraftvoll diese Biografie durchleuchtet, zu erklären versucht und gleichzeitig ein starkes Gesellschaftsporträt der Schweiz ist und auf die sozialen Ungerechtigkeiten und politischen Versäumnisse verweist…

Man ist immer erstaunt über die Armut, die in einem der reichsten Länder dieser Welt herrscht. Und somit ist „Königin der Nacht“ nicht nur eine Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte, sondern im letzten Kapitel eine historische Erklärung über die Herkunft, den Ursprungs dieses Übels, dieser Schande der Schweiz, die ihre Armen wegsperrt, ihnen die Kinder wegnimmt, ein Land, das noch bis vor kurzem darüber entschieden hat, welche Mutter ein Kind erziehen kann und welche nicht, welche Kinder man ungefragt zur Adoption freigibt oder als Verdingkind sonstwohin schickt. Und eben deshalb ist dieses Buch von Bärfuss ein wirklich wichtiges Buch und nicht nur ein persönlicher Schlussstrich unter seine eigene Herkunft.

Eine kleine Stadt in der Schweiz. Ein Haushalt mit einer Frau und ihrem Sohn. Es gibt keinen Mann, es gibt Männer. Und an Geld herrscht immer Mangel, an Zärtlichkeit erst recht. Die Mutter von Lukas Bärfuss war eine Frau ohne Bildung und ohne Perspektiven, dafür mit einem unstillbaren Freiheitsverlangen. Das Kind sah sie als Fessel, sie hatte sich dieses Leben nicht ausgesucht. Eine Rabenmutter, so nannte sie sich selbst; ihr Sohn landete auf der Straße. Sie hatte nur die Waffe der Ohnmächtigen, das böse Maul. Und im Alter blieb ihr kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Dominikanische Republik, aus einem der wohlhabendsten Länder der Welt, in dem der Lebensabend unerschwinglich für sie war. (Rowohlt Verlag)

Und bei aller Vernachlässigung der Kinder durch die Mutter, habe ich sogar etwas Verständnis für sie, sie will leben, sie nimmt alles mit, was sich ihr bietet. Doch alleine, was bringt es? Auf einen „grünen Zweig“ kommt sie nie und so verwundert ihre Emigration nicht. Sprachlich ist auch dieser Bärfuss brillant und messerscharf, kein Wort zu viel und keines zu wenig. Das ist wirklich hohe literarische Qualität und einmal mehr ist klar, dass Bärfuss nicht nur ein sehr guter Autor ist, sondern auch – wie andere Autoren vor ihm – ein soziales Sprachrohr der Schweiz, quasi ein Gewissen unseres Landes. Aber es sind auch seine persönlichen Erlebnisse, seine Herkunft, die er wie nüchtern und umemotional schildert und denen man gerne und gebannt folgt. Ein wirklich tolles und wichtiges Buch. Es ist schon etwas sehr, seit zuletzt einen Bärfuss gelesen habe – es war wohl „Hagard“ – und ich bin froh, habe ich relativ spontan „Königin der Nacht“ gekauft und direkt verschlungen. Grosse Leseempfehlung!

„Königin der Nacht“ von Lukas Bärfuss, 2026, Rowohlt Verlag, ISBN: 978-3-498-00321-0 (Werbung)

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