Eigentlich der ideale Tipp für lange Sommerabende oder den Strand, leider etwas unhandlich und schwer mit seinen 784 Seiten: Andrew O’Hagans 2024 erschienener Roman „Caledonian Road“. 2 Jahre hat es nun also gedauert, bis ich mich auf meinem immer grösser werdenden Lesestapel zu diesem absolut tollen Roman vorgearbeitet habe, dann aber in wenigen Tagen verschlungen – ein absoluter Pageturner…
Mittlerweile ist „Caledonian Road“ natürlich auch als Taschenbuch im Ullstein Verlag erschienen (und klar auch für den E-Reader erhältlich). Ein wenig erinnert dieser Roman an die Werke von Jonathan Franzen, der ähnlich gesellschaftskritisch schreibt und unseren heutigen Alltag hinterfragt und durchleuchtet. Und so kann sich auch in diesem Roman jeder irgendwo wieder erkennen, so heutig und zeitgemäss ist dieser Roman, auch wenn er eher die britische Upper Class und ihre Machenschaften beschreibt. Dies auf eine erzählerisch absolut packende Art und Weise, der man sich nicht entziehen kann.
London, Donnerstag, 20. Mai 2021, die Temperatur beträgt 16 Grad, es ist heiter, später gibt es Schauer. Als Campbell Flynn, 52 Jahre alt und auf der Höhe seines Ruhms als öffentlicher Intellektueller, an diesem Tag aus dem Taxi steigt, trägt er sich noch mit Gedanken an ein neues publizistisches Projekt. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend zählt er heute zur Elite des Vereinigten Königreichs: seine Frau, die Tochter einer Gräfin, sein bester Freund, ein Industrieller, sein Schwager, ein Politiker mit Einfluss, sein Leben getaktet von Vorträgen, Vernissagen und Society-Events. Seine Schwäche, seine Eitelkeit und der Umgang mit dem lieben Geld. Sein Widersacher: sein liebster Schüler. Im Laufe eines aufsehenerregenden Jahres wird ein Netz von Verbrechen, Geheimnissen und Skandalen aufgedeckt; und Campbell Flynn, das Drehkreuz dieses monumentalen Gesellschaftsromans, der seine Fühler ebenso in zwielichtige Fabriken wie in vornehme Gemächer, ebenso in die Köpfe illegaler Immigranten wie in die Häupter ausbeuterischer Kapitalisten und korrupter Parlamentarier ausstreckt, Campell Flynn, dieser Inbegriff des liberalen, gebildeten weißen Mannes, wird fallen wie die Ära, die er verkörpert. (Ullstein Verlag)
Nebst dieser spannenden Story, die mir als Leser sehr realitätsnah erscheint und mich absolut interessiert und anspricht, ist dieser Roman in gewisser Art und Weise auch ein Diskurs über Kunst und die sogenannte Kunstszene, Kunstblase, das Kunstbusiness, überhaupt dieser ganze Kulturkuchen mit seinen absoluten Oberflächlichkeiten (ich weiss wovon ich spreche…). „Caledonian Road“ ist ein fesselnder Gesellschaftsroman, der mit viel Witz und Humor, manchmal auch einer herrlichen Bissigkeit die Londoner Gesellschaft nach dem Brexit beschreibt. Der Text zeichnet ein wohl ziemlich genaues Bild des modernen London und der Doppelspurigkeit der heutigen Gesellschaft. Allerdings sind es dann doch sehr viele Themen, die der Autor behandelt und anspricht, evtl. wäre hier weniger mehr gewesen, denn nebst der grossen Story, dem roten Faden des Protagonisten Campbell Flynn und seiner Familie gibt es einige Nebenstränge, die mehr oder weniger erzählt oder auch noch oberflächlich angerissen werden, das ist zwar interessant (weil alles auch irgendwie verknüpft), aber auch etwas unbefriedigend, aber all dies zu erzählen hätte klar den Rahmen gesprengt. Andrew O’Hagan als Autor und dieser Roman sind für mich jedenfalls eine wirklich tolle Entdeckung und kann ich guten Gewissens sehr empfehlen!!!
„Caledonian Road“ von Andrew O’Hagan, 2024, Ullstein Buch Verlage, ISBN: 9783988160034 (Werbung)
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