Heinz Strunk – Memories of Heidelberg.

Ende Juli, also passend zur Ferienzeit, erschien der neue Roman von Heinz Strunk „Memories of Heidelberg“ und er hat alles, was man von einem Sommerroman erwarten darf und kann. Und doch ist er so viel mehr als einfach nur Strandlektüre, auf den ersten Blick erscheint der Roman vielleicht etwas platt und doch beschreibt er nicht nur ein typisch deutsches Paar in ihrer etwas in die Jahre gekommenen Ehe, sondern steht wohl auch ein wenig symbolhaft für den Niedergang eines grosses Landes und seiner Kultur, es liest sich wie ein Abgesang auf Deutschland – herrlich bissig, böse und schmonzettenhaft zugleich, köstlich..!

Alle paar Seiten wird Peggy Marchs Hit von 1967 „Memories of Heidelberg“ zitiert, ein Relikt aus einer Zeit, in der die Präsenz der Amerikaner, der GIs, noch omnipräsent und die Welt eine komplett andere war. Den Deutschen ging es nach den Schrecken des 2. Weltkriegs wieder gut oder man hat sich einfach alles schön geredet und verdrängt. Und so hat man Heidelberg auch in Erinnerung, pittoresk und idyllisch. Doch die Reise von Bertram und Isolde wird schier zum Albtraum…

Bertram und Isolde, ein in die Jahre gekommenes Paar aus Oldenburg, möchten sich in Heidelberg mal einen richtig schönen Kurzurlaub gönnen. Vielleicht vertreibt das ja auch den seelischen Smog über dem Eheleben. Das Boutiquehotel ist für das viele Geld gar nicht so toll; dafür haben die beiden gleich einen neuen Stamm-Italiener ausgemacht. Das Restaurant voller Flair befindet sich auf einem alten Flussschiff im Neckar. Während die Ehe der beiden im Verlauf einer Woche zusehends aus der Form gerät, wird auch der abendliche Gang auf das Restaurantschiff immer mehr zur Enttäuschung, zur Strafe, zur Höllenqual. Das Teuflische bricht mit verheerender Macht in den Alltag, am Ende steht eine Katastrophe – und das alles zum Schlager-Oldie Memories of Heidelberg in Dauerschleife (Rowohlt Verlag)

Und während ich so lese, drücke ich immer mal wieder bei Spotify auf Play und sogleich tönt es freudig aus den Boxen „Memories of Heidelberg sind Memories of you und von dieser schöner Zeit, da träum‘ ich immerzu“ – Deutscher Schlager par excellence, im Grunde nichtssagend, aber gewaltsam gute Laune verbreitend. Man könnte als Titel für diesen Roman auch „Szenen einer Ehe“ wählen, aber die ganze Situation ist wohl symptomatisch für das ganze Land und der etwas abgedroschenen Phrase einer gespaltenen Gesellschaft. Man redet nicht mehr miteinander oder nur in Plattitüden und Floskeln und natürlich ist die ganze Handlung überzogen und auf die Spitze getrieben und doch gibt es so viele Momente (alleine diese Abendessen beim Italiener! Beim Stamm-Italiener! Auf diesem Schiff! Auf dem Neckar!) die jeder wohl schon erlebt hat und in denen man sich selbst wieder erkennt. Klar, das ist keine grosse Literatur, aber das erwartet auch niemand. Heinz Strunk steht – wie immer – für absolut beste Unterhaltung und er ist ein guter Beobachter unserer Zeit, unserer Gesellschaft, der Menschen und er schafft dies lesenswert zu publizieren. „Der goldene Handschuh“ (2019) fand ich grandios und hat mich auf diesen Autor aufmerksam gemacht, seine Überschreibung von Thomas Manns „Der Zauberberg“ fand ich interessant und auch jetzt habe ich mich sehr amüsiert, auch wenn das keine nachhaltige Lektüre und an einem Nachmittag durchgelesen ist. Spass gemacht hat es dennoch, denn diese grandiose Melancholie, diese Sehnsucht nach einer besseren Zeit, nach dem besseren „Früher“, die über diesem Roman schwebt, die kennt wohl jeder. Und mal ganz ehrlich, in diesen Tagen, bei diesen Temperaturen, ist „Memories of Heidelberg“ genau die richtige Lektüre…

„Memories of Heidelberg“ von Heinz Strunk, 2026, Rowohlt Verlag, ISBN: 978-3-498-00974-8 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich sehr herzlich beim Rowohlt Verlag bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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