Oiseaux Rebelles: Dani Rowe/Mats Ek – Zürich Ballett WA 11.09.2026

Es geht wieder los! Hurra! Die erste Vorstellung der neuen Saison 2026/27 am Opernhaus Zürich: Wiederaufnahme des Double Bill Abends „Oiseaux Rebelles“ mit den beiden Werken „Vestige“ der australischen Choreografin DANI ROWE und die absolut ikonische „Carmen“ von Altmeister MATS EK…

Wie bereits bei der zuletzt besuchten Vorstellung im Oktober 2025 empfinde ich erneut die Arbeit Dani Rowes als interessant, aber irgendwie spröde, der Funke will (zumindest für mich) nicht überspringen. Rowe, die sich in ihrer Choreografie mit Modest Mussorgskys Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ (hier in der Orchesterfassung von Maurice Ravel) auseinandersetzt, erschafft verschiedene Tableaus, wir besichtigen als Zuschauer keine Galerie sondern ein Leben, in episodenhaften Visionen, eine Aneinanderreihung von Eindrücken, Momenten, Begebenheiten der Hauptfigur „Human“, erneut getanzt von MAX RICHTER. Und wieder ist dieser erste Auftritt zu den mächtigen Akkorden von Mussorgskys Musik raumgreifend und von überragender Präsenz, Richter nimmt sich die Bühne, ist alleine auf der Bühne, füllt diese komplett. Was wir danach sehen sind Momentaufnahmen, von denen man nur erahnen, besser raten kann, was diese oder jene Szene erzählt, alles umweht von einem Hauch Mystik, vereinzelte Personen tragen weisse Schleier, sind es geisterhafte Erscheinungen, Bezugspersonen von „Human“? Die zweite Soloposition „Him“ tanzt KAREN AZATYAN, der jedoch neben Max Richter etwas verblasst und mir einmal mehr etwas unscheinbar daherkommt. Getanzt wird zwischen vom Schnürboden hängenden Bilderrahmen. also doch noch etwas Konkretes und zuletzt öffnet sich die schwarze Operafolie im Bühnenhintergrund und wir sehen einen goldenen Streifen Licht – ist es gar eine Befreiung, eine Erlösung oder gar der nahende Tod, das Ende eines Lebens (Bühne: JÖRG ZIELINSKI)? Obwohl es sich bei Mussorgskys Zyklus um Programmmusik handelt, ist diese getanzte Version Dani Rowes vollkommen frei von einem Handlungs- oder Erzählstrang und der individuellen Assoziation des Betrachters überlassen. Für mich erschliessen sich nicht viele Dinge, ich nehme die Umsetzung wie sie gerade kommt, das ist nicht weiter tragisch, denn diese Mischung aus grossen kraftvollen Ensembles, vielen Sprüngen, langen weissen Tutus aus einer längst vergangenen Zeit (Kostüme: LOUISE FLANAGAN) und auch etwas Volkstümelei hat etwas ganz Eigenes, Spezielles – insgesamt eine eher klassisch angehauchte choreografische Arbeit, ein schöner Auftakt für diesen zweigeteilten Abend.

Am Pult des Orchesters der Oper Zürich steht erneut MATTHEW ROWE, ein ausgewiesener Spezialist für Ballettmusiken und diesmal bin ich sehr begeistert. Mussorgskys Musik erscheint mir relativ getragen, ohne grossen Pomp und Pathos (und nicht so mächtig und dynamisch wie im letzten Jahr!), nach der Pause dann diese grossartige Bearbeitung von Bizets „Carmen“-Musiken des im August 2025 verstorbenen Rodion Schtschedrin (der Ehemann der grossen Primaballerina Maja Plissezkaja). Diese Musik ist toll, sie begleitet nicht nur, sondern ist die allerbeste Grundlage für eine frische, witzige, pointierte „Carmen“, fernab vom üblichen Kitsch und so ist man sofort nach Einsatz des Orchesters gebannt und gefesselt und kann sich diesem Klassiker von Mats Ek (1992 für das Cullberg -Ballett entstanden) kaum entziehen. Von Ek gab es seit über 10 Jahren kein Werk mehr in Zürich zu sehen (zuletzt „Dornröschen“ 2014). In Eks Carmen-Interpretation wird geraucht ohne Ende, auf die sonst üblichen Gender-Klischees wird weitgehend verzichtet, seine Carmen ist keine Feministin, keine Femme Fatale, sie ist eine junge lebens- und liebeshungrige Frau – im Grunde genommen absolut modern und wegweisend für die damalige Zeit der Entstehung, das erklärt auch, warum dieses Stück so gut gealtert ist und an seiner Frische und seinem Humor nichts eingebüsst hat. Ziemlich nah an Prosper Mérimées Erzählung beginnt und endet diese Interpretation mit der Hinrichtung Don Josés, er erinnert sich an seine Liebe zu Carmen in einem Setting mit übergrossen stilisierten Fächern (und den so typischen Punkten, die man von den spanischen Flamenco-Puppen und Fächern kennt) und kitschig-bunten Outfits der Frauen, köstlich die Überhöhung von Escamillo, einem eitlen Gockel in goldenen Hosen, ein absoluter Hingucker (Ausstattung: MARIE-LOUISE EKMAN) und von beeindruckender – auch körperlicher – Grösse von BRANDON LAWRENCE. So viel wunderbare Momente, herrlich gleich zu Beginn die Habanera mit den rauchenden Männern und ihren überdimensionalen Zigarren. Hier war ein Mann eben noch ein Mann, wer will kann diese Zigarren natürlich auch als Phallus-Symbol interpretieren. NANCY OSBALDESTONs Carmen ist selbstbewusst und wild, nimmt sich was und wen sie gerne hätte, in einer Szene wirbelt sie wie der Wind über die Bühne, insgesamt bleibt sie als Figur jedoch traditionell und im Tanz hingegen sehr zeitgenössisch, nach den vielen auf Spitze getanzten Sequenzen in Dani Rowes Stück, erscheinen einem diese mit geflexten Füssen getanzten Momente so unglaublich modern. Und wie schön, sieht man doch noch einmal ESTEBAN BERLANGA auf der Bühne der Oper Zürich, er ist ein kraftvoll tanzender Don José, dessen Rolle leider in dieser Umsetzung nicht so viel hergibt, wie sein Rivale Escamillo (dessen knackigen goldenen Hosen man wohl auch nicht widerstehen kann…), interessant hingegen ist die Figur M… in dieser Wiederaufnahme getanzt von SHELBY WILLIAMS, die immer wieder mit einer ganz eigenen Tanzsprache auftaucht, kommentiert, die Handlung weitertreibt, eingreift, jedoch ist nicht ganz klar, wer oder was sie ist – Mercedes, Muse, Mutter – whatever? Egal, sie ist Dreh- und Angelpunkt des Dramas und für mich auch eines der Highlight des Abends. In weiteren Rollen: KAREN AZATYAN als Hauptmann und PABLO OCTÁVIO als Dancaire. Schtschedrins „Carmen-Suite“ klang sehr differenziert und vor allem die vielen Solos kommen präzise und akzentuiert, musikalisch fast spannender als die Musik Bizets mit dieser ungewöhnlichen Instrumentierung, die nur aus Streichern und 47 verschiedenen Schlaginstrumenten besteht. Ein interessanter Double Bill Abend, wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das nicht verpassen!

What’s next auf meiner Tanz-Agenda? Als nächstes steht Cathy Marstons neues Ballett „Ein Sommernachtstraum“ mit der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy und Gabriel Prokofiev auf dem Programm und natürlich die wunderbare Tanzkompanie St. Gallen mit „From England with Love“ von Hofesh Shechter.

Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:

La Bayadère/ Nurejew / Ballet d‘Opera National De Paris – Opéra Bastille 28.06.2026

Kontakthof – Echoes of ’78 – Lugano Dance Projekt LAC 11.06.2026

Romeo und Julia – Zürich Ballett 30.05.2026

New Works: Hakobjan/Jung – Ballett Basel 10.05.2026

GöteborgsOperans Danskompani: HAMMER (Ekman) – STEPS / LAC Lugano 29.03.2026

Tanzkompanie St. Gallen: Echos – Theater St. Gallen Premiere 14.03.2026

Shechter II: In the Brain – STEPS / Theater Gessnerallee Zürich 13.03.2026

Timeframed: Forsythe/Valente/Foniadakis/van Manen – Zürich Ballett 25.01.2026

B.Dance: Alice – Theater Winterthur 17.12.2025

Der Nussknacker/Goecke – Ballett Basel Premiere 13.12.2025

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