Saisoneröffnung und Start der neuen Intendanz unter ALAIN PERROUX am Grand Théâtre de Genève – NETIA JONES inszeniert die einzige Oper des in Genf geborenen Schweizer Komponisten Frank Martin: „La Tempête“, am Pult steht THIERRY FISCHER – klingt zunächst einmal ziemlich spannend…
Frank Martins Werk ist so gut wie nie auf den Spielplänen zu finden, umso lobenswerter und äusserst ambitioniert, genau dieses Werk an den Anfang von Perrouxs Intendanz zu stellen. Man will gemeinsam mit dem Publikum den Alltag hinter sich lassen, neues Terrain betreten, sich mit den Zuschauern auf eine Reise in unbekannte Welten begeben, sagt zumindest der Intendant im einleitenden Text zum Pressedossier der neuen Spielzeit. Räumlich passiert das jedenfalls, denn aufgrund Restaurierungsarbeiten im altehrwürdigen Grand Théâtre ist die komplette Spielzeit ausgelagert in die interimistische Spielstätte Bâtiment des Forces Motrices und Regisseurin NETIA JONES greift dies auf und verfrachtet das Werk auf genau jene Insel inmitten der Rhône, einem ehemaligen Laufwasserkraftwerk. Eigentlich ein schöner Gedanke, doch das löst sich leider überhaupt nicht ein. Ich habe schon lange nicht mehr einen derart langweiligen Abend erlebt, kein Wunder hat sich der Saal nach der Pause doch etwas geleert. Zwar ist die Besetzung grossartig und die Musik von Frank Martin absolut hörenswert, jedoch passiert auf der Bühne schlichtweg NICHTS und man fragt sich, was bitteschön soll das sein? Es ist zum Weinen. Die Rauminstallation, ein stilisierter Turm, eine Schaltzentrale mit ausgedachten Messinstrumenten und mehreren Radarkuppeln unterschiedlicher Grösse – in denen der Luftgeist Ariel (technisch seltsam verfremdet: JOSEPH CHOSSON) eingesperrt scheint – dreht sich fast den ganzen Abend unmotiviert, dazu gibt es Wolkengebilde in unterschiedlichen Farben als Projektion, die Kostüme sind zeitlich nicht verortet und ziemlich banal (komplette Ausstattung ebenfalls von NETIA JONES). Sämtliche Protagonisten stehen fortwährend für sich, die meiste Zeit dem Publikum bzw. dem Dirigenten zugewandt, von Personenregie keine Spur. Kein einziger Moment berührt oder nimmt mich gefangen und ich frage mich, ist das Absicht oder Unvermögen? Prospero (grossartig und fortwährend die Ruhe selbst: STÉPHANE DEGOUT) ist auf dieser Insel der Herrscher, denn er ist offensichtlich technisch versiert, schafft es zumindest mit Kabeln, Batterien und Strom umzugehen, während Caliban (ALEX ROSEN) fortwährend Trinkwasser heranschafft und über die Bühne trägt, Ferdinand (JULIEN DRAN) hingegen schleppt Fässer mit Hilfe von Miranda (als unbekümmertes Mädchen im Gefühlschaos: CATHERINE TROTTMANN). Einzig die wenigen witzigen Momente der betrunkenen Diener Stephano (CHRISTOPHE GAY) und Trinculo (FRANÇOIS ROUGIER), die sich mit Caliban verbinden, lassen kurz aufhorchen und wirken durchdacht und inszeniert, doch die meiste Zeit plätschert diese Produktion vor sich hin, bevor zum Schluss Prospero um Applaus bittet, das Licht erlischt und man etwas ratlos zurück bleibt. Schade eigentlich, denn die Musik von Frank Martin ist ganz wunderbar mit den vielen Jazz-Elementen und sphärischen Chören aus dem Off, mit den Cembaloklängen, die Ariel begleiten und einer wirklich tollen Besetzung, nebst den bisher bereits erwähnten waren dies NICOLAS CAVALLIER als Alonso, EDWIN CROSSLEY-MERCER als Sebastian, LÉO VERMONT-DESROCHES als Antonio, CHRISTIAN IMMLER als Gonzalo, GLEN CUNNINGHAM als Adrien und GEORGIY DERBAS-RICHTER als Bootsmann. Das ORCHESTRE DE LA SUISSE ROMANDE unter der Leitung von THIERRY FISCHER spielt diese Partitur äusserst differenziert, eine Musik, die stellenweise fast schon avantgardistisch daher kommt, immer jedoch irgendwie geheimnisvoll, mystisch und sehr unterkühlt wirkt (das passt dann wiederum zur Ausstattung in diesem hochglänzenden Jahrtausendwende-Hightech-Design). Und auch der CHŒUR DU GRAND THÉÂTRE DE GENÈVE klingt ganz wunderbar, ätherisch, aus der Ferne (wie immer einstudiert von MARC BIGGINS). Trotz der tollen Sänger:innen quält man sich etwas durch diese leidenschaftslosen, ja blutleeren 3 Stunden 10 Minuten – schade und ein sehr lauer Start in die neue Genfer Saison, hier gibt es noch sehr viel Luft nach oben… on verra!
Whats next? – Zürichs neue „Zauberflöte“ in der Regie von Daniele Finzi Pasca…
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
561: Tannhäuser – Oper Zürich 08.07.2026
560: Aida – Theater St. Gallen 02.07.2026
559: 200 Motels – Grand Théâtre de Genève / Bâtiment des Forces Motrices 25.06.2026
558: Jesus Christ Superstar – Bühnen Bern 17.06.2026
557: L‘Agamennone – Bühnen Bern12.06.2026
556: La forza del destino – Bühnen Bern Premiere 03.05.2026
555: La clemenza di Tito – Oper Zürich 29.04.2026
554: Fin de Partie – Theater Basel Premiere 12.04.2026
553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026
552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026
551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026
550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026