Drei proppenvolle Eröffnungskonzerte der neuen Saison in der Tonhalle Zürich – nach den obligatorischen Reden und Danksagungen spielt die georgische Pianistin KHATIA BUNIATISHVILI das 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky, gefolgt von einem älteren Werk des Creative Chair Inhabers der Saison DIETER AMMANN und den Schlusspunkt setzt PAAVO JÄRVI mit Alexander Skrjabins „«Poème de l’extase»…
Natürlich ist es ein fulminanter Auftakt in diese 158. Saison des Tonhalle-Orchesters mit diesen wuchtigen Akkorden zu Beginn von Tschaikowskys 1. Klavierkonzert, die wohl jeder Konzert- und auch Nicht-Konzert-Gänger kennt. Und doch muss man dieses Werk wirklich mögen, denn es ist so viel moderner, als man es von Tschaikowsky und seinen sonst sehr üppigen Apotheosen erwartet. Das Werk bietet für die solistischen Teile der Pianistin einen sehr grossen Interpretationsspielraum und so dominiert Buniatishvili auch diesen Abend, fast ist man erstaunt darüber, dass Paavo Järvi am Pult sich dermassen zurücknimmt, aber die beiden kennen sich lange und sind gut eingespielt, kommunizieren fortlaufend miteinander. Khatia Buniatishvili wird bereits mit viel Applaus begrüsst und mit noch mehr Ovationen nach den zwei gegebenen Zugaben (Debussy und Liszt) verabschiedet. Das ist mir an diesem Abend doch irgendwie zu viel Show und glamouröser Rummel und hat keinesfalls das bewundernswert Bescheidene eines Igor Levit oder Víkingur Ólafsson, die beide nun wirklich ebenso grosse Künstler sind (wobei ich sagen muss: tolles Kleid! toller Schmuck! und Grandezza!). War es einfach der Saisoneröffnungs-Überschwang, die grosse Freude, dass es nun endlich wieder losgeht mit den Konzerten in der Tonhalle? Festhalten muss man schon, dass Buniatishvili nicht nur musikalisch dominiert, sondern auch eine strahlende Bühnenpräsenz hat, man ihr Spiel gut als rasant und energisch bezeichnen kann, überhaupt hat man das Gefühl, dass alle durch dieses Werk förmlich rasen und man fast froh ist um die anschliessend einkehrende Ruhe beim ersten Encore mit Debussys „Claire de Lune“. Fast ungewohnt empfinde ich es, einen Tschaikowsky zu hören, der die sonst übliche Sentimentalität und diesen manchmal fast schon überbordend emotionalen Überschwang vermissen lässt, interessant ist dieses Werk allemal (wenn auch nicht mein favorite Klavierkonzert…)!
Pjotr I. Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 – Encores Khatia Buniatishvili: Claude Debussy: Claire De Lune“ / Franz Liszt: „Ungarische Rhapsodie Nr. 6 – Dieter Ammann: «Boost» – Alexander Skrjabin: «Poème de l’extase» op. 54
Letztendlich ist für mich das Highlight des Konzerts weder Tschaikowskys Klavierkonzert, noch das opulente Finalstück von Skrjabin – was mir nachhaltig in Erinnerung bleibt von dieser irgendwie spröden Saisoneröffnung ist Dieter Ammans Werk „Boost“. Damit beginnt der zweite Teil nach der Pause und wie schön, ist Dieter Ammann auch anwesend in diesem Konzert (natürlich auch, um die Neuerscheinung des Buches über ihn und sein Werk zu promoten… – «Der Klang ist die Geschichte» von Felix Diergarten). Es ist schon etwas her, seit ich zuletzt ein Werk Ammanns gehört habe – „Glut“ unter Hans-Peter Achberger in einem Konzert am Opernhaus Zürich 2016 (woohoo – vor 10 Jahren!) – und ich habe es immer noch als sehr beeindruckend in Erinnerung und so freut es mich, dass in dieser Saison noch viele weitere Werke des Schweizer Komponisten in der Tonhalle zu hören sein werden. Wunderbar, wie in diesem kurzen, nur dreizehn Minuten dauernden Werk immer wieder neue Klangflächen entstehen, brechen, in sich zusammenfallen, sich erneut aufbäumen und zuletzt sich dann wie leise hinausschleichen. Schlusspunkt bildet Alexander Skrjabins «Poème de l’extase», von dem man gar nicht so recht weiss, was man damit anfangen soll. Es ist ein – gemäss Programmheft – sinnliches und gleichzeitig tief reflektiertes Werk, das von einem eigenen Gedicht inspiriert wurde. «Der Geist / Vom Lebensdurst beflügelt / Schwingt sich auf zum kühnen Flug» lauten die ersten Zeilen und ja, der Geist schwingt sich tatsächlich auf und wird zum wagnerianisch anmutenden Mega-Bombast in sehr grosser Besetzung, viel Blech, viel Schlagwerk, für meinen Geschmack zu wuchtig und vor allem viel zu laut. Nun stelle ich mir die Frage, werde ich alt und kann derartigen Lärm nicht mehr ertragen oder hat hier Paavo Järvi einfach aus dem Vollen geschöpft? Gegen Ende fehlte mir auch eine gewisse Klarheit, etwas differenzierten Klang hätte ich mir gewünscht, aber das kann – wie immer – auch an dem ausgewählten Platz liegen, Gallerie links und rechts auf Orchesterhöhe kann manchmal sehr blechlastig laut sein, jedoch immer auch spannend, weil man eben den Dirigenten frontal beobachtet und sehr nah am Orchester – und an den immer sehr unterhaltsamen Herren des Schlagwerks – ist. Aber nach diesem Werk Skrjabins (2015 schon mal unter Bringuier hier gehört und offensichtlich komplett ausgeblendet, konnte mich nicht mehr daran erinnern…) bin ich etwas erschlagen und froh ist Schluss.

Für mich insgesamt eine etwas unausgegorene und mutlose Saisoneröffnung, und ja, irgendwie auch spröde, aber natürlich ist das (wie immer) auch Geschmacksache. Jedoch muss ich dem Verwaltungsratspräsidenten der Tonhalle Gesellschaft Marc Zahn, der gemeinsam mit Intendantin Ilona Schmiel den Abend eröffnet hat, absolut zustimmen – wir können dankbar sein, dass Zürich mit dem Tonhalle Orchester einen Klangkörper von Weltrang hat. Also auf in die neue Saison 2026/27…
Whats next auf meiner Konzert-Agenda? Da es für mich nun in eine längere Ferienpause geht, ist das nächste Konzert auf meiner Agenda das Tonhalle-Debüt von Hayato Sumino im November mit dem 3. Klavierkonzert von Prokofiew unter Paavo Järvi (zudem an diesem Abend gibt es noch Prokofjews 4. Sinfonie und Dieter Ammanns „Turn“… )
Zuletzt besuchte Konzerte:
Järvi / Levit: Brahms / Schumann – Tonhalle Zürich 18.06.2026
Sol Gabetta & Cello-Ensemble – Tonhalle Zürich 08.06.2026
Adès/Ólafsson: Ligeti/Ravel/Kurtág/Pärt/Adès – Lucerne Festival KKL 14.05.2026
Jacqot/Hadelich: Adès / Beethoven / Mussorgsky– Tonhalle Zürich 24.04.2026
Nagano/Favorin/Forget: Messiaens „Turangalîla“-Sinfonie – Tonhalle Zürich 17.4.2026
Järvi/Janssen: Adès/Brahms/Mendelssohn-Bartholdy – Tonhalle Zürich 11.3.2026
Sonic Matter Festival: Valade / Josefowicz: Kendall / Adès / Chin – Tonhalle Zürich 20.2.2026
Guggeis/Trpčeski: Ravel/Liszt – Tonhalle Zürich 11.12.2025
Rezital Víkingur Ólafsson: Bach/Beethoven/Schubert – Tonhalle Zürich 05.12.2025