Christoph Hein – Das Narrenschiff.

Was für ein grossartiger Roman! Christoph Heins „Das Narrenschiff“ hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert. Ein wahrer Pageturner. Und interessant noch dazu. Erzählt wird die Geschichte der DDR und ihrer Bürger:innen – von der Staatsgründung bis hin zum Mauerfall 1989. Ich kann mich noch sehr gut an viele der Ereignisse erinnern, kenne das nicht nur aus den Geschichtsbüchern, aber dies jetzt alles literarisch nachzulesen ist ganz wunderbar…

Bereits im März 2025 erschienen, nehme ich diesen doch eher umfangreichen Roman zur Hand und lege ihn fast nicht mehr zur Seite, jede Minute die mein Tag zulässt begebe ich mich auf diese Zeitreise und erlebe die einzelnen Schicksale, die auf sehr facettenreiche Weise diesen Unrechtsstaat (ja, so kann man die DDR durchaus nennen!) für den Leser erlebbar machen. Es ist auch dieses Ereignis, da wird ein Staat gegründet, quasi „Auferstanden aus Ruinen“ und dann, nach vierzig Jahren verschwindet er wieder, hallt aber natürlich bis heute nach, mit all seinem Vergessen, mit all den nichteingelösten Träumen und Visionen. Und man fragt sich, was bleibt? (Nicht wirklich aufgearbeitete Nazi-Zeit ist aktuell wohl die naheliegendste Antwort… F*CK AFD).

In seinem fulminanten Gesellschaftsroman lässt Christoph Hein Frauen und Männer aufeinandertreffen, denen bei der Gründung der DDR unterschiedlichste Rollen zuteilwerden, begleitet sie durch die dramatischen Entwicklungen einer im Werden befindlichen Gesellschaft, die das bessere Deutschland zu repräsentieren vermeint und doch von einem Scheitern zum nächsten eilt. Überzeugte Kommunisten, ehemals begeisterte Nazis, in Intrigen verstrickte Funktionäre, ihre Bürgerlichkeit in den Realsozialismus hinüberrettende Intellektuelle, Schuhverkäufer, Kellner, Fabrikarbeiter, Hausmeister und selbst ein hoher Stasi-Mann erkennen auf die eine oder andere Art ihre Zugehörigkeit zu einer unfreiwilligen Mannschaft an Bord eines Gemeinwesens, das sie zunehmend als Narrenschiff wahrnehmen und dessen Kurs auf immer bedrohlichere historische Klippen ausgerichtet ist. (Suhrkamp Verlag)

Für mich als „Westler“ ist das alles lange her und vorbei (und Deutschland habe ich ja sowieso vor bald 20 Jahren verlassen…), quasi eine Auffrischung des Geschichtsunterrichts, eine Repetition selbsterlebter Begebenheiten, ich erinnere mich an Tage in Ostberlin, an die Fahrten durch die DDR nach Westberlin, an Schikanen an der Grenze und an die vielen Geschichten, die ich als Kind von Nachbarn gehört habe, die regelmässig ihre Pakete in den Osten geschickt haben und natürlich an das DDR Fernsehen, dass wir zu Hause empfangen konnten, an das Sandmännchen, an die Sendereihe „Der Schwarze Kanal“ mit Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler, an die vielen an der Grenze bei einer nächtlichen Flucht erschossenen Menschen. Für den Autor und Zeitzeugen Christoph Hein ist es wohl eine ganz persönliche, wohl sehr bittere, enttäuschende Bilanz dieser Zeit. Man kann die DDR nicht anders, als gescheitert bezeichnen, das wird bei der Lektüre dieses Romans mehr als klar und deutlich. Ein wirklich wichtiger, packender Roman, durch den man auch die jüngere deutsche Geschichte sehr gut verstehen lernt (auch wenn er „nur“ die Seite der Funktionäre, der Staatstreuen, der angepassten Ja-Sager und Mitläufer beleuchtet). Absolut grosse Leseempfehlung!

„Das Narrenschiff“ von Christoph Hein, 2025, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-43226-6 (Werbung)

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