Karine Tuil – Die Liebeshungrigen.

Ein Roman über (vermeintliche) Berühmtheit, über Promis im Showbiz und in der Politik, über Aufstieg, kurzen Ruhm und Niedergang eines französischen Präsidenten und auch darüber, wie schnell man in Vergessenheit geraten kann: „Die Liebeshungrigen“ der französischen Schriftstellerin Karine Tuil ist viel mehr als „nur“ unterhaltsame Sommerlektüre, es ist ein böser Gesellschaftsroman, der wohl auch die aktuelle Medienlandschaft auf den Punkt bringt…

Geschickt verwebt die Autorin mehrere Figuren und deren Leben miteinander, dies wirkt nie konstruiert, wirkt immer absolut authentisch und schildert die Auswirkungen der Medienwelt auf in der Öffentlichkeit stehende Menschen. Immer wieder stellt man fest, wie wenig das zu kontrollieren ist und wie schwer man sich davon lösen kann. Man kann eben nie das Eine ohne das Andere haben. Es ist aber auch Satire und eine kleine (böse) Abrechnung mit den Filmfestspielen in Cannes, dem Filmbusiness an sich.

Ein Jahr nachdem er den Élysée-Palast verlassen hat, ist der ehemalige Präsident Dan Lehman ein Schatten seiner selbst. Seine Ehe mit einer Schauspielerin ist nur noch Fassade. Er trinkt, wird in Gerichtsverfahren verwickelt und versucht mit einem Buch in die Medien zurückzukehren, während seine Frau die Rolle ihres Lebens spielt. Ihr Film ist ein Erfolg, wird für die Goldene Palme in Cannes nominiert. Und dort, in diesem Tempel des Kinos, in dem alles Illusion ist, vermischen sich Realität und Fiktion auf verheerende Weise. (dtv)

Nimmt man den Roman zur Hand, liest man ihn wohl in einem Zuge bis zum Schluss, denn er ist absolut unterhaltsam, bietet eine interessante Mischung aus Drama, Lovestory, Satire, streift viele aktuellen Themen, wirkt nicht allzu konstruiert und trotz der Tatsache, dass es sich bei einem der Protagonisten um einen ehemaligen französischen Staatspräsidenten handelt, bleibt die Handlung glaubwürdig. Von Anbeginn hatte ich das Gefühl, dass es sich wie das Script zu einer neuen Serie liest, absolut Netflix-affin ist. Der Klappentext klingt letztendlich oberflächlicher, als der Roman dann tatsächlich ist, Karine Tuil schafft es die Doppelbödigkeit der französischen Elite aufzuzeigen und sehr gut zu unterhalten, auch wenn mich keine der Figuren wirklich berührt, am ehesten die Präsidententocher Leonie, sie ist für mich die modernste, quasi heutige Figur, sie ist politisch und kämpft gegen toxische Männlichkeit (mehr oder weniger erfolgreich…). Und natürlich denkt man bei Dan Lehman als erstes an François Hollande, aber das ist dann doch etwas weit hergeholt. Trotz all der Abgründe, die sich in „Die Liebeshungrigen“ öffnen, schafft es die Autorin, niemanden zu verurteilen oder Partei zu ergreifen, das ist wohltuend, denn natürlich ist es ein Roman und kein Tatsachenbericht, aber in dieser Story steckt auch sehr viel Lebensrealität. Ich habe „Die Liebeshungrigen“ sehr gern gelesen, bin nun am überlegen, dies nochmals mit meinem kleinen Französisch-Trüpplein im Original zu tun…

„Die Liebeshungrigen“ von Karine Tuil, 2026, dtv Verlag, ISBN : 978-3-423-28522-3 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich sehr herzlich beim dtv Verlag bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

Christoph Hein – Das Narrenschiff

Catalin Dorian Florescu – Matei entdeckt die Freiheit

Karl Ove Knausgård – Arendal

Andrew O’Hagan – Caledonian Road

David Vajda – Diamanten

Liza Minelli/Michael Feinstein – Liza – Kid’s wait till you hear this! Die Autobiographie 

Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt

Jonas Hassen Khemiri – Die Schwestern

John Irving – Königin Esther

Nelio Biedermann – Lázár

Percival Everett – James

Diesen Beitrag von arcimboldis_world kommentieren