Sommer, endlose Tage, viel Muse. Und so arbeite ich nach und nach meinen sehr hohen Lesestapel an ungelesenen Büchern (LUB) ab, klingt etwas mechanisch, ist aber so und genau das gibt mir gerade auch ein gutes Gefühl, denn das schafft viel Platz für Neuerscheinungen im Herbst. Zuletzt: Lilli Tollkiens autobiografischer Roman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ der schon lange auf einem der vielen Stapel in der ganzen Wohnung herumliegt und sich aktuell auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 befindet…
In verschiedenen Medien hatte ich von diesem Roman gehört und gelesen. Das Thema hat mich direkt angesprochen, für mich war klar, das will ich lesen. Ist es ein Coming-of-Age-Roman? Irgendwie. Ist es autofiktional und für die Autorin Therapie-Stunde? Auf jeden Fall. Ist es für den Leser interessant? Kommt ganz darauf an…
Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst. (Aufbau Verlag)
Ich bin Ende der 60er Jahre geboren und habe die 80er Jahre sehr bewusst erlebt, war auch häufig in Berlin zu jener Zeit und viele erwähnte Momente, Orte, Ereignisse waren bei der Lektüre ein seltsamer Flashback für mich, viele Dinge kann ich verstehen, nachvollziehen, sehr vieles aber nicht und obwohl dieser Roman doch sehr emotional und persönlich ist, hat er mich seltsam unberührt zurückgelassen und nicht wirklich gepackt. Interessant fand ich die Lektüre dennoch, weil absolut glaubhaft und authentisch und auf seine Art und Weise eine interessante Milieu-Schilderung und ich kann mir vorstellen, dass es genau so lief in dieser Männer-WG. Ich denke mir die ganze Zeit – das arme Mädchen. Wer sich also mit dem Berlin und seinen Gegebenheiten zu dieser Zeit beschäftigen möchte, dem sei dieser Roman sehr empfohlen.
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, 2026, Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-351-04284-4 (Werbung)
Zuletzt gelesen:
Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte
Christine Wunnicke – Wachs
Lukas Bärfuss – Königin der Nacht
Karine Tuil – Die Liebeshungrigen
Christoph Hein – Das Narrenschiff
Catalin Dorian Florescu – Matei entdeckt die Freiheit
Karl Ove Knausgård – Arendal
Andrew O’Hagan – Caledonian Road
David Vajda – Diamanten
Liza Minelli/Michael Feinstein – Liza – Kid’s wait till you hear this! Die Autobiographie
Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt
Jonas Hassen Khemiri – Die Schwestern
2 Kommentare