Annie Ernaux – Das andere Mädchen.

Gerne greife ich zwischendurch zu einem Buch von Annie Ernaux, ich mag diese reduzierte Sprache, diese Klarheit, diese immer wieder unglaubliche Eindringlichkeit, Dringlichkeit der Themen, über die sie schreibt. Es wundert nicht, hat sie vor Jahren den Nobelpreis für Literatur erhalten. Von den vielen Preisträger:innen ist sie eine absolut lesbare Autorin, die mich immer wieder sehr begeistert. So auch das schmale Bändchen „Das andere Mädchen“, ein Brief über/an ihre Schwester, die sie nie hat kennenlernen können, über die sie schreibt „Ich wurde geboren, weil Du gestorben warst, ich habe dich ersetzt“…

Der Text ist ein Brief in grosser Klarheit, zarter Traurigkeit und doch mit einer guten Distanz. Analytisch wie immer beschreibt uns Annie Ernaux mit diesem Text, wie die grundsätzliche Erkenntnis, dass es eine Schwester gab, auf sie wirkt, was das mit ihr macht, sie schreibt über das Gemeinsame, aber überwiegend über das Trennende in dieser Schwesternschaft.

Ein Sonntag im August 1950, die kleine Annie spielt draußen im Garten, ihre Mutter steht am Zaun und plaudert mit der Nachbarin. Eine folgenreiche Plauderei, denn so erfährt Annie, dass ihre Eltern vor ihrer Geburt bereits eine Tochter hatten, die sechsjährig an Diphtherie gestorben war. Über diese Schwester wird Annie von ihren Eltern niemals wieder ein Wort hören und sie wird ihrerseits niemals nach der Verstorbenen fragen. Doch auch dieses dauerhafte Beschweigen formt eine Geschichte und verleiht der toten Schwester – dem anderen Mädchen – eine Gestalt. Und es prägt Annies Persönlichkeit und Charakter, die Identität der Nachgeborenen. Vier oder fünf Fotografien, das Grabmal, einige wenige Gegenstände, ein paar Murmeln – darüber versucht Annie Ernaux Jahrzehnte später dem Leben ihrer ungekannten Schwester schreibend auf die Spur zu kommen. Annie Ernaux hat einen Brief an ihre Schwester geschrieben, die sie nicht hat kennenlernen können – einen Brief von überwältigender Klarheit und zarter Traurigkeit, über Trennendes und Gemeinsames, über Kindheit und Geschichte und über Schicksalsschläge, die eine Familie auf immer verändern. (Suhrkamp Verlag)

Letztendlich kann man wohl sagen, dass der frühe Tod der Schwester die Keimzelle ihres literarischen Werdegangs, ihres Lebens als Schriftstellerin mitbegründete. Natürlich könnte man dies auch als eine kleine Egozentrik bewerten, aber es überwiegt doch die hohe literarische Qualität auch dieses Textes. Ihre Bücher sind immer – so finde ich zumindest – von grosser Sensibilität und einer erzählerischen, unaufgeregten Ruhe geprägt. Ich mag das sehr und schaue, dass immer eines der Bändchen auf meinem Bücherstapel neben dem Bett liegt. Ich nehme die Bücher von Annie Ernaux immer wieder und sehr gerne zur Hand.

„Das andere Mädchen“ von Annie Ernaux, 2023, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-47357-3 (Werbung)

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