Kaum zu glauben – mit „Arendal“ veröffentlicht Karl Ole Knausgård bereits den fünften Roman seines „Morgenstern“-Zyklus. Da mich die bisherigen Romane dieser sehr speziellen Reihe ziemlich begeistert haben, steige ich also sofort ein und begebe mich einmal mehr in dieses typische philosophisch angehauchte Knausgård-Universum, ich lasse mich treiben und bin hocherfreut über diesen Pageturner…
Ich kann es gar nicht genau beschreiben, was mich an diesen Texten so fasziniert, was mich gefangen nimmt, ich denke es sind diese existentiellen Themen, dieses oft so Banale, ausgebreitet bis zum Exzess. Ich mag das und so ist auch „Arendal“ für mich ein Pageturner, ich kann aber sehr gut verstehen, wenn jemand damit überhaupt nichts anzufangen weiss. Ich denke diesen Autor mag man oder eben nicht, dazwischen gibt es wohl eher nichts. Und auch in „Arendal“ passiert so vermeintlich wenig und doch so viel…
Wir schreiben das Jahr 1976. Syvert Løyning ist nach einer Geschäftsreise auf dem Heimweg zu seiner Frau und seinen beiden Söhnen, als sein Auto vor Arendal eine Panne hat und er die Nacht in der Stadt verbringen muss. Es ist Winter und bitterkalt, das Eis erstreckt sich bis zum offenen Meer und ist so dick, dass die Autos darauf fahren können. Dort, fast zu Hause und doch gestrandet, ist es, als würde sich ein Raum auftun, mit ganz eigenen Regeln, ein Raum zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten. Sowohl in der Stadt, wenn er im Dunkeln durch die Straßen wandert, als auch in ihm selbst. Syvert muss eine Entscheidung treffen. Er steht an einer Wegscheide im Leben, und die Frage wird sein: Wird er sich für die Liebe entscheiden? (Luchterhand Verlag)
Der Roman spielt also 1976, vor langer Zeit und je mehr man eintaucht, umso mehr erinnert man sich an Begebenheiten und Figuren aus den vorangegangenen Romanen dieser allumspannenden „Morgenstern“ – Reihe (Syvert Løyning ist der Vater des Teenagers Syvert aus „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit„). Nebst vielen Details mag ich in diesem Band besonders die ausführliche Hintergrunderzählung zur Entstehung von Wagners „Der fliegende Holländer“ und eben die Verknüpfung mit zeitlich nachfolgenden Ereignissen. Die Handlung ist hyperreal und doch bleibt vieles verschwommen, ja fast schon mysteriös, ohne dabei ins esoterische abzugleiten, Knausgård begibt sich eher auf philosophische Wege und erklärt uns die Welt. Ich mag das sehr, dieses Verschwommene, dieses Abtauchen in Grenzbereiche, dieses stellenweise fast schon Magische und in diesem Fall diese extreme Zerrissenheit Syverts zwischen Vernunft und Gefühl, dieses Hin und Her zwischen Herz und Verstand. Gleichzeitig erlebt man einen Menschen, der ohne seine Exzesse (Alkohol, Zigaretten…) in seinem bürgerlichen Leben nicht klar kommen würde, der sich auf einer permanenten Flucht vor sich selbst und dem Leben befindet, das ist spannend und für mich absolut lesenswert. Wie gut, produziert Knausgård relativ schnell und so kann man sicherlich bald mit einem weiteren „Morgenstern“ Roman rechnen…
„Arendal“ von Karl Ole Knausgård, 2026, Luchterhand Verlag, ISBN: 978-3-630-87824-9 (Werbung)
Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich sehr herzlich beim Luchterhand Verlag (Penguin Randomhouse) bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.
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