Was für ein Spektakel! Zwei Stunden energiegeladenes Musiktheater bei hochsommerlichen Temperaturen im Genfer Bâtiment des Forces Motrices, der aktuellen Ausweichspielstätte des sich in Renovation befindlichen GTG. Schräge atonale Sounds von FRANK ZAPPA. Die Rock-Oper „200 Motels“ bietet alles – von Riesenschwänzen und Minischwänzen und vielen gefährlich wirkenden Vulvas, einer köstlichen Donald Trump Persiflage, einer Zombi-Invasion bis hin zum Ku-Klux-Klan, also quasi eine Bestandsaufnahme der USA, eine overpowering Abrechnung mit amerikanischen Klischees, Statussymbolen und Nationalhelden – das ist überbordend und wunderbar…!
Natürlich ist diese Produktion die absolute Reizüberflutung und man ist stellenweise komplett überfordert mit diesen vielen Eindrücken und visuellen Reizen, müsste die Produktion mehrfach sehen, aber mal ganz ehrlich, genau so sind doch die USA – unendlicher Kitsch, alles immer einen „tick too much“ und „OTT“. Und so weiss man gar nicht genau, wo man hinschauen soll, denn selten gibt es einen Fokus, häufig passieren viele Dinge gleichzeitig und überbordend (von Dragshow bis hin zu #metoo, Sexszenen, Fotoshootings, Muppet-Show, Country-Western, Burger, Fast-food, Snowwhite etc.), dazu die grossartig-schrillen Kostüme von SHALVA NIKVASHVILI (aber leider bei Ursula von der Leyen schlecht recherchiert!) die permanenten optisch sehr starken Videoprojektionen von SOPHIE LUX (Licht: PETER MUMFORD) im absolut tauglich-praktikablen Dekor von CARLOS SOTO (eine Mischung aus TV-Show-Spektakel und Motel samt Pool, in dem das Orchester sitzt) und selbstverständlich dieser unglaublich tolle und spielfreudige Cast – also mehr konnte man nicht erwarten von diesem herrlichen Spektakel als letzte Produktion des GRAND THÉÂTRE DE GENÈVE in der Ära von AVIEL CAHN. Natürlich hätte man diese Abrechnung mit Amerika auch subtiler gestalten können, aber sind wir doch mal ganz ehrlich, genau so plakativ und vordergründig ist doch dieses Land und genau deshalb stimmt diese amüsante Produktion auch absolut für mich, bringt diesen Kontinent in 2 Stunden auf den Punkt, all diese Bigotterie, Doppelspurigkeit und Verlogenheit, diese oberflächlichen Gesten, dieses Lebensgefühl bestehend aus Disney, Fast-Food, Amazon und Tech-Giganten, all dieser ganze Irrsinn und an oberster Stelle natürlich diese scham- und niveaulose Figur des aktuellen Präsidenten, ja, man kann und muss ihn benennen, denn man sieht ihn auch 1:1 in einer herrlichen Charakterstudie von PETER HOARE (in der Rolle des Howard). Regisseur DANIEL KRAMER macht das genau richtig und zeigt die USA schamlos in ihrer platten Art und Weise, die wir alle kennen. Vom Mythos dieses grossen Landes, vom Aufbruch, von der Goldgräberstimmung, von der Schutzmacht – nichts davon existiert mehr, stattdessen Doppelmoral und Religion. Umso herrlicher dieses queere, bunte und herrliche erfrischende Spektakel mit all den kleinen und grossen Schwänzen, Penissen – wie auch immer man das Teil nun benennen möchte, es ist, was es ist (zuletzt in Form einer grossen Kanone und als Machtsymbol, mit dem der Präsident sich krönen lässt, während im dabei buchstäblich einer abgeht – das ist zum Schreien komisch). Dazu diese gefährlichen Vulvas mit Reisszähnen – es kann durchaus sein, dass nicht jeder im Publikum „amused“ ist über diese Lebensnähe, denn man kann fast sagen, dass diese Show die Realität widerspiegelt, nicht mal eine Persiflage auf das aktuelle Leben ist – das erträgt nicht jeder. So weit sind wir nun also schon gekommen, dass man sowas in einer (Rock-)Opernproduktion sehen muss. Das Publikum im BTM ist genau so illustre, wie die Figuren auf der Bühne und genau das macht auch die Qualität dieses grossen Finales aus – vom Opern-Abopublikum bis hin zum Zappa-Fan, das ist toll, das ist grenzüberschreitend und genau deshalb braucht es mehr derartige Programmierungen, damit mal endlich dieser uralte Opern-Mief verschwindet. Die Besetzung ist absolut sehenswert und voller Energie, ich bin grosser Fan von ROBIN ADAMS (hier als Frank, Larry the Dwarf) – egal was er macht! Dazu ganz wunderbar PETER HOARE als Howard, der Comedian EDWARD HOGG (als Jeff, Love Interest, Newt Lover), ZIAD NEHME (als Mark), zum Schreien komisch: DAVID IRELAND als Cowboy Burt und WWF Wrestler, JUSTIN HOPKINS (als Bad Conscience (Ginger), Narrator und Rance) und unglaublich wandelbar und witzig in ihren verschiedensten Nuancen die Koloratursopranistin BRENDA RAE (als Janet, unbelievable als fast schon hysterisch-wahnsinnige Journalistin, Sopran Solo), zudem – eine wirklich tolle Ensembleleistung – JULIETH LOZANO ROLONG (Good Conscience (Donovan), Lucy), NICOLA HOLLYMAN (Sopran Solo Chœur), CÉLINE KOT (Mezzo Solo Chœur), ALEKSANDAR CHAVEEV (Basse Solo Chœur) und DAVID WEBB (Tenor Solo Chœur). Unbedingt zu erwähnen das ORCHESTRE DE LA SUISSE ROMANDE (das buchstäblich fast etwas untergeht im Pool-Graben und sich etwas mehr hätte behaupten können, sollen, müssen, hier hat der ML TITUS ENGEL etwas gebremst, habe ich das Gefühl, warum auch immer…), der famose CHŒUR DU GRAND THÉÂTRE DE GENÈVE unter der Leitung von MARK BIGGINS, die CLASSE DE PERCUSSIONS DE LA HEM, STEAMBOAT SWITZERLAND und MIKE KENEALLY an der Solo Gitarre. In jedem Moment dieser Produktion spürt man die grosse Lust aller Beteiligten auf dieses Abenteuer im sonst eher klassischen Repertoire. Und genau dieses Gefühl vermittelt sich auch dem Publikum, ob man dieses plakative Spektakel nun mag oder nicht. Und was man definitiv feststellen muss, ist die Tatsache, dass die Intendanz und Ära von Aviel Cahn sicherlich noch lange nachhallen wird, ja Massstäbe für die Zukunft gesetzt hat. Schon mit der ersten Produktion dieser Intendanz „Einstein on the Beach“ wurde die Marschrichtung festgelegt und nun mit „200 Motels“ adäquat beendet, was für eine absolute Burner-Produktion ist dieses Zappa-Spektakel, zudem passt das ganz hervorragend ins BFM – I loved it! Bravi! Auch so kann „Oper“ sein, yes!
Whats next? – Die Saison neigt sich (gefühlt) dem Ende entgegen, es bleibt noch „Aida“ in St. Gallen und der neue „Tannhäuser“ in Zürich und dann der Sommer…
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
557: L‘Agamennone – Bühnen Bern12.06.2026
556: La forza del destino – Bühnen Bern Premiere 03.05.2026
555: La clemenza di Tito – Oper Zürich 29.04.2026
554: Fin de Partie – Theater Basel Premiere 12.04.2026
553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026
552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026
551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026
550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026
549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026
548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026
547: Carmen – Oper Zürich 21.01.2026
546: Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025