Aida – Theater St. Gallen 02.07.2026

In diesem Sommer gibt es keine Open-Air-Produktion der St. Galler Festspiele im Klosterhof, stattdessen spielt man im Grossen Haus des schönen Paillard-Baus Giuseppe Verdis „Aida“, während draussen vor dem Eingang Lounge-Möbel und Gastronomie äusserst chillig wirken und zum Verbleib einladen. Zumindest vor der Vorstellung und in der Pause, denn nach 3 Stunden und einem Vorstellungsende um 23.00 Uhr ist in St. Gallen alles zappenduster und – bis auf ein paar verpeilt herumirrende Fussballfans – alles leer und ausgestorben…

Und auch wenn man mit „Aida“ zumeiste grosse Opulenz und Outdoor-Festival-Bühnen verbindet, finde ich es doch wohltuend, die Produktion indoor zu sehen, denn trotz grosser Chor-Momente und Triumphmarsch-Pathos, ist das Werk grossenteils fast schon kammermusikalisch und lebt von vielen kleinen, intimen Momenten, die in einem geschlossenen Raum viel mehr zur Geltung kommen, als unter freiem Sternenhimmel (was natürlich auch schön ist…). „Aida“ hat für mich eine ganz eigene Bedeutung, sie war meine erste besuchte Oper überhaupt (1985, Oper Frankfurt – ML: Michael Gielern/Inszenierung: Hans Neuenfels) und hat offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen und diese immer noch vorhandene grosse Leidenschaft entfacht. Sitzt man in diesem Werk, so ist das durchaus nachvollziehbar, denn „Aida“ enthält wirklich alles, was Oper zu bieten hat. Regisseur BEN BAUR, der sonst eher für Ausstattungen verantwortlich zeichnet, versucht sich an einem Psychogram von Amneris, stellt sie quasi ins Zentrum der Handlung, er doppelt sie gleich zweifach, es gibt ein junges und ein sehr altes – quasi überlebendes – Ich, das sich selbst beobachtet, sich auf dem eigenen Lebensweg und daraus resultierenden Entscheidungen begleitet. Am Ende erschliesst sich dann auch, weshalb zu Beginn die gealterte Version mit einem stummen Schrei im Grabmal, in dem alles endet, zu sehen ist. LIBBY SOKOLOWSKI als Amneris ist der absolute Burner und hierfür eine Idealbesetzung und gemeinsam mit AMBER R. MONROE als Aida überragen und dominieren diese beiden sehr starken Frauen alles. Bei MARCELO PUENTEs Radames bin ich immer hin und hergerissen und irgendwie immer noch nicht schlüssig, ob er mir denn nun gefallen hat oder nicht, es gab ein paar sehr schöne musikalische Momente von ihm, sein „Celeste Aida“ zählt für mich leider nicht dazu – danach dreht er dann aber auf, allerdings neigt er doch sehr zu plakativen Gesten und Rampensingerei, so ganz anders als die herausragende Libby Sokolowski, die wirklich alles überstrahlt und wegen der ich eigentlich auch nach St. Gallen gefahren bin – ihre darstellerische Leistung ist einmal mehr fantastisch, wie sie nah an der Hysterie am Ende des 2. Aktes lacht und sich freut, dass Radames sie heiraten wird bzw. muss, ist nur einer von vielen starken Momenten. Sie zeigt den ganzen Abend über eine immense Bandbreite an Emotionen, musikalisch sowieso, dieser in der Tiefe so herrlich satt klingende Mezzo ist wunderbar. Das Konzept finde ich interessant, löst sich aber nicht immer ein, viel zu häufig gibt es dann eben leider doch typische Opern-Plattitüden zu sehen, die mich etwas verwundern, die typischen Putzarbeiten (mit den obligatorischen Eimern…), die natürlich eine Sklavin namens Aida unbedingt ausmachen, dazu pathetische Kniefälle und natürlich im „Affekt“ umgeworfene Stühle – Himmel, braucht es das wirklich noch?! UTA MEENENs Kostüme erinnern zwar an ein herrschaftliches Haus mit Dienerschaft, sind aber zeitlich nicht wirklich verortet, schon gar nicht in Ägypten, ich empfinde das als wohltuend und stimmig, ANSELM FISCHERs stimmungsvolles Licht unterstreicht die eher düstere Atmosphäre, ich mag diesen Raum, der immer wieder durch einen roten Vorhang abgeteilt wird und für ein starkes Bild – für die Enge und Starrheit dieser Gesellschaft – steht, im Grunde muss man das Liebespaar zuletzt nicht einmauern, sämtliche Protagonisten befinden sich permanent in ihrem ganz persönlichen Kerker, können diesem nicht entfliehen. Und dann stehen zuletzt Aida und Radames an der Wand dieses dunklen Verlieses, singen ihr Schlussduett und ich denke mir, dass es jetzt eigentlich Sinn machen würde, wenn Amneris auch noch käme und so kommt es auch, prompt betritt sie langsam den Raum. Das war für mich ein absoluter Schlüsselmoment, von der Regie logisch und konsequent gedacht. Die Liebenden verlassen die Szene (und gehen wohin auch immer, sie verlassen den Kerker, die auferlegten Zwänge, sie sind frei…?), zurück bleibt Amneris alleine in der Dunkelheit und während der Vorhang sich senkt sind noch ihre letzten Worte „Pace pace pace…“ zu hören. Und ich habe den Eindruck, dass sie nun tatsächlich ihren Frieden findet. Das ist berückend schön, vor allem auch deshalb, weil in diese Stille nach dem der letzte Ton verklungen ist, der Vorhang sich aber noch senkt, niemand sein „bravo“ ruft oder applaudiert, sondern jeder im Saal nimmt diese Ergriffenheit auf und wartet bis das Licht im Orchestergraben wieder heller wird.

Starker Applaus für alle Beteiligten, nebst den bereits genannten sind dies VINCENCO NERI (mit sehr schöner Bass-Stimme!) als Amonasro, JONAS JUD als König, SULTONBEK ABDURAKHIMOV als Ramfis, OLIVIA SMITH als Hohepriesterin, RICCARDO BOTTA als Bote sowie die drei Tänzer:innen SARA PEÑA CAGIGAS, SARA PENNELLA UND STEVEN FOSTER als Schatten der Amneris (deren Sinn sich mir nicht wirklich erschliesst, die aber – vor allem zum Schluss – sehr effektvoll etwas Bewegung in das manchmal statische Geschehen bringen…). Es ist die letzte Produktion von Chefdirigent MODESTAS PITRENAS am Haus und was aus dem Graben zu hören ist, klingt nach wunderbarem Verdi, sicher musiziert von allen Instrumentengruppen (toll, die Blechbläser!) und ergänzt durch den hervorragend einstudierten und sehr differenziert klingenden CHOR DES THEATER ST. GALLEN – Bravo a tutti! Und jetzt ab in die wohlverdiente Sommerpause!

Whats next? – Die Saison ist zu Ende, es bleibt nur noch der neue „Tannhäuser“ in Zürich…

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

559: 200 Motels – Grand Théâtre de Genève / Bâtiment des Forces Motrices 25.06.2026

558: Jesus Christ Superstar – Bühnen Bern 17.06.2026

557: L‘Agamennone – Bühnen Bern12.06.2026

556: La forza del destino – Bühnen Bern Premiere 03.05.2026

555: La clemenza di Tito – Oper Zürich 29.04.2026

554: Fin de Partie – Theater Basel Premiere 12.04.2026

553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026

552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026

551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026

550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026

549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026

548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026

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