ARCIMBOLDIS COLUMN #30: Kuratierungs-Overflow…

Im vorcoronalen Frühjahr 2020 waren wir eines Abends in einem netten Restaurant in Zürich. Nichts Besonderes. Aber auch keine Eck-Beiz im Quartier. Auf der Speisekarte stand, dass das Tasting-Menü von XYZ kuratiert wurde. Das löste grosse Erheiterung aus. Es wird also nicht mehr nur gekocht, sondern auch noch kuratiert in der Küche. Seitdem liegt mein Fokus, mein Augenmerk, mein konzentrierter Blick auf der Kuratorenszene dieses Landes…

Man kann und mag es gar nicht glauben, wer alles kuratiert – der totale Kuratierungs-Overflow. Schon bei den alten Römern gab es Kuratoren, kuratiert wurde damals allerdings noch nicht. Gemäss diverser Nachschlagewerke findet man als Wortbedeutung und Definition: als Verwalter (Kurator) etwas betreuen, organisieren. Hm. Denkt man sich, denn das kommt vom lateinischen „curare“ – sorgen für, sich kümmern um“. Ist ja schön und gut. Aber muss deswegen jede Person – die eine Auswahl von etwas trifft und Sorge trägt – ein Kurator/eine Kuratorin sein? Das ist inflationär, heute wird ALLES kuratiert und wenn nicht, so hat es keinen Wert. Ein „Organisator“ ist von der Begrifflichkeit zu unkünstlerisch. Ebenso wie Schauspieler*innen, die heutzutage auch nicht mehr so heissen, sondern eben Performer“innen sind. Anderes Kaliber. Klingt besser. Klingt mehr nach 2020. Meine persönliche Präferenz im Kunstbetrieb wäre ja – nach wie vor – „Macher“: Ausstellungsmacher, Kunstmacher, Kulturmacher, das beinhaltet eben auch das Aktive an dieser Tätigkeit. Aber die Kuratierungs-Penetranz greift um sich. Also kuratiert man nicht mehr nur eine Ausstellung, sondern auch die Fashion-Show, die Speisekarte, die Grab-Bepflanzung, die glutenfreien Müsli-Zutaten, den kindgerechten Kindergeburtstag, das CO2-nachhaltige Urban-Gardening auf der Dachterrasse, die neueste Underwear-Kollektion, die handbestickten Corona-Masken, die Einlass-Musik der neuesten Musical-Produktion, die Einkaufsliste von Tante Gabi, den Zahnersatz von Onkel Georg, die Game-Auswahl der neuesten Spiel-Konsole, die vegane Käseauswahl an Muttis 75. Geburtstag und selbstverständlich die LGBTQI-Performances in diversen Aktionshallen. Interessanterweise habe ich gerade gelesen, dass man den Verwalter eines Zoos auch Kurator nennt, er bestimmt mit bei Tier-Ankäufen und bei Verkäufen entscheidet er, in welchem anderen Zoo das Tier unterkommen soll…. – das erscheint mir bisher am sinnvollsten in diesem Kuratierungs-Dschungel…

PS: Heute morgen habe ich meinen Frühstückstoast kuratiert…

Die letzten Kolumnen:

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ARCIMBOLDIS COLUMN #25: DIE UNGEPLANTE C-ENTSCHLEUNIGUNG – PART 2

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2 Comments

  1. FEL!X

    «Anderes Kaliber klingt besser» bringt es auf den Punkt!
    Kuratieren: schon wieder ein Wort, das eigentlich zweckentfremdet für etwas ganz anderes als die eigentliche Bedeutung eingesetzt wird.
    Im Fall eines Menüs klingt «kuratieren» natürlich viel hipper, als «to share», was dem Sinn eigentlich viel besser entsprechen würde. Aber wer will schon offensichtlich als Nachahmer und Kopist dastehen?! Ich bin überzeugt, dass über 90 Prozent der Restaurantbesucher keine Ahnung von dieser Bedeutung haben.
    Auch ich musste erst nachschlagen, um herauszufinden, ob denn neben «pflegen», «organisieren» und auch «regenerieren» noch andere, neuere Synonyme bestehen, aber bis in den Duden hat es diese Art von «teilen» (noch) nicht geschafft.
    Wem die eigene Fantasie am Herd abgeht, muss dann halt kuratieren.

    Gefällt 1 Person

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