Es war sein letztes choreografisches Meisterwerk, dass 1992 an der Pariser Oper uraufgeführt wurde – eines der ganz grossen Werke in der klassischen Ballett-Literatur: RUDOLF NUREJEWS „La Bayadère“ mit der (sehr schönen Musik) von LÉON MINKUS, eine Adaption des Originals von MARIUS PETIPA. Die aktuellen Termine dieser Wiederaufnahme an der Opéra Bastille sind alle restlos ausverkauft – kein Wunder, das ist eine unglaubliche und unbedingt sehenswerte Produktion…
Natürlich wirkt es zunächst einmal etwas strange, sieht man diese historische, üppige Ausstattung (Bühne: EZIO FRIGERIO, Kostüme: FRANCA SQUARCIAPINO) und man fühlt sich komplett in eine andere Zeit versetzt, jedoch wirkt nichts daran hausbacken, sondern alles – interessanterweise – entschlackt und sehr gut gealtert. Und es ist zwischen all den grossartigen Produktionen von Hofesh Shechter, Sidi Larbi Cherkaoui, Sharon Eyal, Sol Leon und den vielen anderen und ganz wunderbaren zeitgenössischen Choreograf:innen ein komplett anderes Feeling. Es ist lange her, seit ich zuletzt „La Bayadère“ gesehen habe, das war in Berlin 2002 die Inszenierung von und mit Wladimir Malakhov, die dort auch immer noch wechselweise mit der Ratmansky-Version zu sehen ist. Nurejews Pariser Version hat im Grunde alles, was dieses Stück braucht – Kitschiges Ambiente, völlig übertriebene farbenprächtige Kostüme, Papageien, ausgestopfte Tiger, einen riesigen Elefanten auf Rollen und natürlich Tänzer:innen, die in Sänften gebettet auf die Bühne getragen werden, alleine schon wegen des grossen Defilees zu Beginn des 2. Aktes lohnt sich der Besuch. Aber für mich das absolute Highlight und danach habe ich den ganzen Abend gefiebert ist klar der Schattenakt und hier vor allem der Auftritt der 24 Ballerinas im weissen Tutu mit ihren ausladenden Arabesquen, derart synchron und sauber, fast hat man das Gefühl, dass dies digital erzeugt wurde, so präzise, so wunderschön, fast wünscht man sich, dass dieser Moment nicht enden möge. So hatte ich das noch von Berlin in Erinnerung und nun auch in Paris hat mich das absolut begeistert (auch wenn ich gelesen habe, dass in der ersten Fassung dies noch von 68 Ballerinas getanzt wurde, aber wer soll das heutzutage bezahlen?). Leider hatten wir nicht die Erstbesetzung, die wohl etwas ruhen musste, nachdem diese Produktion an mehreren Abenden aufgezeichnet wurde, also leider kein Hugo Marchand, aber auch unsere Besetzung – und davon kann man an der Pariser Oper immer ausgehen – tanzte auf absolut hohem Niveau: HÉLOISE BOURDON als Nikiya, GERMAIN LOUVET (der einzige Etoile des Abends…) als Solor und CLARA MOUSSEIGNE als Gamzatti. Und natürlich wartet man immer auch auf das grosse (und doch relativ kurze) Solo des L’idole dorée, den in der von uns besuchten Vorstellung ANTOINE KIRSCHER tanzte, aber leider mit zwei groben Fehlern ziemlich enttäuschte. Der ziemlich übertriebene Applaus für ihn war nicht wirklich gerechtfertigt, wenngleich tolle Sprünge zu sehen waren. Ich frage mich, darf man dann überhaupt enttäuscht sein? Gibt nicht dennoch jeder sein Bestes? Klar, aber klassisches Ballett ist eine Disziplin, die keine Fehler verzeiht, noch dazu wenn sie so offensichtlich sind oder gar jemand – wie Kirschner – stürzt. Ich muss jedoch sagen, dass ich grosse Bewunderung dafür habe, dann einfach aufzustehen und weiterzumachen, dazu gehört sehr viel, das finde ich bewundernswert, das ganze Publikum, seine Kolleg:innen sehen das und ich frage mich, wie das wohl für ihn ist. Fast tut er mir ein wenig leid, schmälert das die Chancen für ihn Etoile zu werden? Nobody is perfect. Beim Ballett aber eben doch. Hartes Leben, viel Druck. Toll auch der Fakir von KEITA BELLALI. In Nurejews Produktion gibt es wirklich einige ganz wunderbare Momente, das endlos scheinende Defilee zu Beginn des 2. Aktes, dieser tolle und stimmungsvolle Lichtwechsel, wenn die Tempeltänzerin von der Schlange gebissen wird und alles Leuchtende sich in eine eher dunkle Stimmung verwandelt, natürlich die vielen Ensembles, Trios, Pas de deux, mal temporeich, dann wieder folkloristisch im 2. Akt und klar der weisse 3. Akt mit den Auftritts-Arabesquen über die Rampe und die Variationen im Finale. Nicht nachdenken darf man natürlich über die Themen kulturelle Aneignung und dieses pappig süsse Indien-Klischee ist auch fragwürdig, gab es yellow-facing? Bin mir nicht sicher, mir erschienen sämtliche Tänzer:innen eher zu hell geschminkt, aber verbuchen wir das unter historische Aufführungspraxis.


KOEN KESSELS dirigiert das ORCHESTRE DE L’OPERA NATIONAL DE PARIS ganz wunderbar, die Musik von Minkus bietet so viele wunderbare Momente, die Akustik im vorderen Drittel des Parketts ist toll, ich hatte das nicht mehr so in Erinnerung, das Haus ist relativ gross und in den hinteren Parkettreihen ist man zugegebenermassen schon ziemlich weit weg von der Bühne – lucky us, sassen wir in der 8. Reihe. Ich habe mein Opernglas nicht benötigt. An diesem super heissen Samstag mit 39 Grad in Paris hatte man nicht unbedingt Lust auf über 3 Stunden Ballett, aber einmal mehr hat es sich dann doch gelohnt, was für eine wunderbare und immer noch toll anzusehende und auf so hohem Niveau getanzte Produktion! Bravo a tutti!
What’s next auf meiner Tanz-Agenda? Es geht auch für mich langsam in die Sommerpause und in der neuen Saison 26/27 starte ich wohl mit der WA der wunderbaren Produktion „Oiseaux Rebelles“ (Dani Rowe/Mats Ek) des Zürich Ballett…
Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:
Kontakthof – Echoes of ’78 – Lugano Dance Projekt LAC 11.06.2026
Romeo und Julia – Zürich Ballett 30.05.2026
New Works: Hakobjan/Jung – Ballett Basel 10.05.2026
GöteborgsOperans Danskompani: HAMMER (Ekman) – STEPS / LAC Lugano 29.03.2026
Tanzkompanie St. Gallen: Echos – Theater St. Gallen Premiere 14.03.2026
Shechter II: In the Brain – STEPS / Theater Gessnerallee Zürich 13.03.2026
Timeframed: Forsythe/Valente/Foniadakis/van Manen – Zürich Ballett 25.01.2026
B.Dance: Alice – Theater Winterthur 17.12.2025
Der Nussknacker/Goecke – Ballett Basel Premiere 13.12.2025
Eyal/Arias/Tanzkompanie St. Gallen – Theater St. Gallen Premiere 29.11.25
Der Liebhaber/Goecke – Ballett Basel 09.11.2025
Béjart Ballet: Ballet for Life – Theater 11 Zürich 07.11.2025