Eine äusserst erfolgreiche und produktive Saison der Bühnen Bern neigt sich ihrem Ende entgegen und ich schaffe es, noch kurz vor der Sommerpause erneut in die Bundesstadt zu fahren, um Andrew Lloyd Webbers frühes Erfolgswerk von 1971 – die Rockoper „Jesus Christ Superstar“ – zu sehen…
Die Show mit Texten von Tim Rice erzählt die letzten 7 Tage Jesu in Anlehnung an die Evangelien. Ich kannte bisher nur den Film von 1973 und diverse Einspielungen, aber klar ist – „Jesus Christ Superstar“ ist tatsächlich eher Rock-Oper, denn ein Musical. Es gibt drei Fassungen (mit großem Orchester, mit reduzierter Orchesterbesetzung und nur mit Rockband) und die Fahrt nach Bern lohnt sich unbedingt, denn nicht sehr häufig ist diese grösstmögliche Besetzung mit Orchester, Rockband und Chor zu erleben und so verwundert es nicht, sind alle Vorstellungen ausverkauft. Das Publikum ist sehr durchmischt, reicht von Familien mit Kindern und Jugendlichen bis hin zu Senioren, ich finde das erstaunlich, denn Webbers Frühwerk wartet mit ziemlich interessanten dissonanten Songs und Klängen auf, die Musik ist sehr rockig mit vielen Gitarren-Riffs, bietet aber auch schöne Balladen. Am bekanntesten sind sicherlich Maria Magdalenas wunderschöner Song „I don’t know how to love him“, natürlich „Superstar“ (Judas & Chor) oder Herodes Song „Try it and see“. Im ersten Akt bis zur Pause fand ich die Tonqualität/Mischung nicht so ideal und ziemlich unausgewogen, das schmälert für mich schon etwas den Genuss einer Vorstellung. Dafür ist die Inszenierung von TOMO SUGAO (Co-Regie und Choreografie: TABATHA MCFADYEN) kraftvoll und bietet starke Bilder, wie etwa das letzte Abendmahl mit seinen Slow-Motion-Sequenzen oder natürlich das sehr starke Schlussbild. Die ganze Schlussszene der „Kreuzigung“ berührt mich sehr, wenn die ganze ehemalige Anhängerschar Jesus verhöhnt, sich über ihn lustig macht. Da hängt er dann alleine am Stacheldrahtzaun in diesem Auffanglager, neben ihm die Shilouette der trauernden Maria Magdalena, wahrscheinlich wäre dieser Moment ohne deren Schreie noch stärker, aber wie zu einigen anderen Momenten setzt Sugao häufig auf den blossen Effekt, dabei wäre weniger manchmal mehr gewesen. Da hängt er dann also, dieser Jesus, von allen verlassen, das ist nun aus der Führerfigur geworden. Natürlich wirkt diese finale Situation, dieses Setting eines Inhaftierungslagers für Migranten, für Geflohene, für Randgruppen in der heutigen Weltlage absolut aktuell. Das ganze Leben ein einziger Wartesaal, doch trotz Anzeigetafeln kann man wohl keine Nummer ziehen und verbleibt an diesem Zwischenort. Das Werk „Jesus Christ Superstar“ zeigt keine Wunder, stattdessen sehen wir Menschen mit all ihren Zweifeln, Wünschen, Hoffnungen, aber letztendlich herrscht auch grosse Resignation, all dies kommentiert von Judas Iscariot, der letztendlich die Hauptfigur dieser Rockoper ist. ALLEN MARCHIONI entspricht nicht dem üblichen Casting-Schema für Judas, das macht ihn äusserst interessant, auch musikalisch eine spannende Besetzung mit grossartiger, flexibler Stimme, bei den weiteren Rollen ergeht es mir ebenso, TILL ORMELOH als Jesus Christ ist kein grosser Charismatiker, er ist ein Zweifler, der eher durch Zufall in diese Führungsrolle gedrängt wird, dies wohl gar nicht will und der Situation im Grunde auch gar nicht gewachsen ist, seine Stimmfarbe ist allerdings nicht nach meinem Geschmack und bleibt für mich etwas eindimensional. Und spätestens beim viel zu lange dauernden Verräterkuss von Judas ist allen klar, hier ist Liebe im Spiel, leider unerwidert, ist dies der eigentliche Beweggrund des Verrats? Interessant und glaubwürdig ist es allemal. ANASTASIA TROSKA ist keine typische mitfühlende Maria Magdalena, sie gestaltet diese Figur interessant und glaubwürdig – sie ist wohl eher am Menschen Jesus interessiert, nicht an seiner ihm aufgedrängten Führerrolle. MARC CLEARs King Herod mit seinen queeren Showgirls erinnert mich ein wenig an Boy George, seine grosse Nummer im goldenen Pailletten-Anzug ist köstlich und bricht das sonst sehr ernste Stück, ein weiterer Bruch und showy Moment ist die ultimative Hymne „Superstar“ von Judas und seinen Cheerleadern. Die Rollen von Pontius Pilatus (wunderbar: JONATHAN MCGOVERN), Caiaphas (GYÖRGY ANTALFFY) und Annas (CARLOS NOGUIERA) mit klassischen Sängern vom Haus zu besetzen (und nicht mit weiteren Musicaldarstellern) ist der Clou und macht Sinn, das ist die scharfe, offensichtliche Trennung der Welten – sie „da oben“ in ihrem Lager-Office blicken nach unten auf den Abschaum, das sind starke Bilder und klare Aussagen der Regie. Das Stück mit seiner rockigen Musik ist extrem gut gealtert, hat an Aktualität nichts eingebüsst – Die Welt ist immer noch auf der Suche nach Führungspersönlichkeiten, nach Autoritäten, nach Erlösung – das zeigt uns die Berner Produktion überdeutlich und heutzutage ruft diese Show wohl nicht mehr die heftigen Kontroversen hervor, wie zu seiner Entstehungszeit. Und das Fazit? Jesus (sofern es ihn tatsächlich gab) war eben auch nur ein Mensch und: „Jesus Christ Superstar“ lohnt den Besuch auf jeden Fall. Die musikalische Leitung dieser Produktion in riesiger Besetzung hat HANS CHRISTOPH BÜNGER und ist sicherlich ein Kraftakt für die Bühnen Bern mit vielen Gästen, aber absolut gelungen!
Whats next? – Die Saison neigt sich dem Ende entgegen, kommende Woche sehe ich in Genf „200 Motels“ von Frank Zappa – huh, gleich noch eine Rockoper – und dann bleibt noch der neue „Tannhäuser“ in Zürich als Kontrastprogramm…
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
557: L’Agamennone – Bühnen Bern 12.06.2026
556: La forza del destino – Bühnen Bern Premiere 03.05.2026
555: La clemenza di Tito – Oper Zürich 29.04.2026
554: Fin de Partie – Theater Basel Premiere 12.04.2026
553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026
552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026
551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026
Zuletzt besuchte Musicals:
„Into the woods“ – Bridge Theatre London 14.02.2026
„An American in Paris“ – Grand Théâtre de Genève 20.12.2025
„Fiddler on the Roof“ – Grand Opera House Belfast 06.08.2025
„Kinky Boots“ – Bord Gáis Energy Theatre Dublin 16.07.2025
„Hells Kitchen“ – Shubert Theatre New York 11.05.2024
„Little Shop of Horrors“ – Westside Theatre New York 10.05.2024