Bella Figura – Zürich Ballett 25.01.2019

Erneut zeigt das Zürich Ballett, wie vielseitig es im Ausdruck und in der Stilistik sein kann – mit dem neuen vierteiligen Ballettabend „Bella Figura“ – grossartig!…

Nach der berührenden „Winterreise“ zum Saisonbeginn und der Wiederaufnahme des zauberhaften „Nussknacker und Mausekönig„, beides von Christian Spuck, nun also eine Hommage zum 70. Geburtstag des tschechischen Choreografen Jirí Kylián in Form einer Retrospektive mit vier seiner Werke aus den 80/90er Jahren. Beim Einlass sieht man das Ensemble bei seinem Warm-Up auf der Bühne, bevor sich der Vorhang schliesst und eine Tänzerin (SUJUNG LIM) wie aus einer schwarzen hängenden Soffitte geboren wird. Der Tanz beginnt. Das titelgebende Stück „Bella Figura“ (1995) steht am Anfang des Abends und zeigt in erhabenen, schönen, schreitenden Bewegungen und Anmut die essentiellen Fragen und das Credo der Tänzer: Wann beginnt die Vorstellung? Mit dem Öffnen des Vorhangs oder bereits mit dem Aufwärmen im Ballettsaal? – Egal wann und wo, das Wichtigste ist immer eine gute Figur („bella figura“) zu machen, egal wie es einem geht – denn das ist professionelle Tänzereinstellung. Wunderbar die fast träumerischen Formationen der Paare in den roten Reifröcken, die sich federleicht durch die variierenden schwarzen Wings bewegen – eines der stärksten und nachhaltigsten Bilder des ganzen Abends. Ausdrucksstark und tänzerisch stark die Paare, allen voran CONSTANZA PEROTTA ALTUBE und WEI CHEN.

Nach der Pause dann das zweite Stück mit einer ganz eigenwilligen Ton- und Bildsprache, die irgendwie an Ausserirdische erinnert: „Stepping Stones“ von 1991, entstanden nach einem längeren Aufenthalt in Australien, wo Kylián die Tänze der Aborigines studierte. Für diese Ureinwohner ist der Tanz der Grundstein der sozialen Struktur, das ist das Thema dieses eigenwilligen Stückes. Bewacht von drei alt-ägyptischen Katzenstatuen unterschiedlicher Grössen und unter einem sich bewegenden hängenden Plafond zelebriert das Ensemble verschiedene Rituale (zur Musik von Anton Webern und John Cage), in dem sie kunstwerksartige kleine Boxen oder Schreine mit den Beinen halten, balancieren, weiterreichen – kraftvoll und ausdrucksstark.

Im dritten Teil dann das wunderbare Stück „Sweet Dreams“ (von 1990) und die „Sechs Tänze“ (von 1986 – „Sechs Deutsche Tänze“ von W. A. Mozart), die sich herrlich nahtlos direkt anschliessen und diesen Abend wunderbar ironisch und leichtfüssig-frivol-plätschernd beenden. Frank Kafka und René Magritte waren für Kylián Inspirationsquelle für „Sweet Dreams“, einem seiner „Black & White“-Ballette und so ist es auch angelegt: düster und passend zur Musik Anton Weberns sind die Bewegungsabläufe, düster ist das Bühnenbild, ab und zu blitzen auf der sonst unsichtbaren Schräge Bilder wie Traumsequenzen von Personen auf, frische grüne Äpfel als Symbol der Lust kullern und suchen sich den Weg, dienen zu Beginn als auszubalancierender Weg. Zum heiteren Finale dann Lustiges – eine albern-witzig-temporeiche Barock-Persiflage mit herrlich staubig-gepuderten Perücken und – was das Publikum immer lustig findet – Männern in Frauenkleidung. So einfach kann es manchmal sein zu unterhalten. Den wohlverdienten, jubelnden Applaus nimmt das Ensemble dann im Seifenblasen-Regen entgegen.

Vier Stücke des grossen Choreografen Jirí Kylián, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sie zeigen die immense Bandbreite seines Schaffens, sie zeigen aber auch das gereifte und ausserordentlich homogene Zürich Ballett in einer weiteren wunderbaren Produktion.

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