Robert Seethaler – Das Feld.

Die Lesung von Robert Seethaler im Zürcher Kaufleuten im September 2018 hat bei mir die grosse Lust geweckt, nun endlich etwas von diesem Autor zu lesen…

Seinen mittlerweile verfilmten Grosserfolg „Der Trafikant“ von 2012 habe ich immer irgendwie aufgeschoben und so ist nun sein neuestes Werk „Das Feld“ mein Seethaler-Erstversuch.

Wenn die Toten auf ihr Leben zurückblicken könnten, wovon würden sie erzählen? Einer wurde geboren, verfiel dem Glücksspiel und starb. Ein anderer hat nun endlich verstanden, in welchem Moment sich sein Leben entschied. Eine erinnert sich daran, dass ihr Mann ein Leben lang ihre Hand in seiner gehalten hat. Eine andere hatte siebenundsechzig Männer, doch nur einen hat sie geliebt. Und einer dachte: Man müsste mal raus hier. Doch dann blieb er. In Robert Seethalers neuem Roman geht es um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlicher Koexistenz. (Hanser Verlag)

Im Grunde ist es kein Roman, sondern eine Sammlung von 29 Biographien bzw. biographischen Momentaufnahmen der Einwohner der fiktiven Stadt Paulstadt. Unterschiedlicher können diese nicht sein und dennoch liegen alle im gleichen „Feld“, dem Friedhof dieser Stadt und erzählen aus ihrem Leben. Und dem Leben der Stadt, die insgesamt jedoch eher blass im Hintergrund verborgen bleibt. Das ist mal spannend, mal belanglos, mal eine kurze Momentaufnahme von nur einer Seite, ein anderes mal etwas breiter und ausführlicher angelegt. Immer aber ein Versuch, etwas über die Person zu erzählen und sei es nur ein kurzer aufblitzender Blick. Die Sprache Seethalers ist schnörkelos, man merkt aber seine Hingabe und emotionale, ja fast schon liebevolle, Beziehung zu jeder der fiktiven Figuren. Die meisten Personen sind Einzelschicksale, deren Weg sich in Paulstadt aber dennoch auf die ein oder andere Art und Weise kreuzt, das ist ein schöner Gedanke, diese Vernetzung der Einzelschicksale zu einem grossen Ganzen. Dann wiederum gibt es die beiden Biografien von Martha Avenieu und ihrem Mann Robert Avenieu, die jahrelang in einer unglücklichen Beziehung leben, sich dies wohl aber erst im Tod eingestehen (können) – zwei Eheleute, die bestimmte Begebenheiten ihres gemeinsamen Lebens komplett konträr erzählen (weil sie es offensichtlich unterschiedlich erlebt haben, wie im richtigen Leben eben…). Interessant, dies dann auch aus zwei Perspektiven zu verfolgen.

Meine liebste Biografie ist aber die Geschichte von Anni Lorbeer. Eine Frau, die über 100 Jahre alt wurde und jetzt froh ist, dass sie nun endlich weiss, wie sich das anfühlt, das Sterben…

Geburtstage waren mir mir da schon längst unwichtig. Nur das Sterben hätte ich gerne mitbekommen. Ich war ja immer so neugierig. Jetzt weiss ich, wie es ist. Aber ich erzähle nichts. Es ist verboten, vom Tod zu erzählen. Im Tod liegt die Wahrheit, doch man darf sie nicht sagen. Lügen ist natürlich erlaubt, aber das will ich nicht. (Anni Lorbeer)

Berührend sind diese einzelnen Momentaufnahmen bzw. Erzählungen der toten Personen schon, und dadurch, dass stilistisch jede der einzelnen Personen in der ihr ganz eigenen Sprache erzählt, ist dies glaubhaft. Aber irgendwie wirkt das Ganze auch etwas bemüht und konstruiert. „Das Feld“ liest sich gut und in einem Zuge durch, hat einige wirklich schöne Passagen, wirklich nachhaltig berührt hat es mich leider nicht. Aber das Buch macht Lust auf mehr Seethaler-Lektüre.

„Das Feld“ von Robert Seethaler, Hanser Verlag Berlin, 2018                                                   ISBN 978-3-446-26038-2

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar als E-Book auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Hanser Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

 

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