In diesen heissen Tagen der aktuellen Hitzewelle möchte man eigentlich nur faul herumliegen und mit dem Fächer wedeln, stattdessen besuche ich eines der letzten Konzerte der Saison in der Tonhalle. Hier ist es angenehm kühl und der Grund für den Besuch ist klar und zwingend – IGOR LEVIT gibt mehrere Konzerte zusammen mit Music Director PAAVO JÄRVI und dem TONHALLE ORCHESTER ZÜRICH. Das zweite Klavierkonzert von Brahms und Schumanns „Frühlingssinfonie“ stehen auf dem Programm…
Sicherlich ist Igor Levit einer der spannendsten Pianisten unserer Zeit, nicht nur, dass er politisch ist, sich regelmässig auch äussert und gesellschaftskritisch einiges zu sagen hat (in diesem manchmal sehr oberflächlichen, unpolitischen klassischen Konzert-, Orchester-, Kultur-Business…), auch gibt es von ihm einige interessante Einspielungen und live ist er natürlich ein Hingucker und hervorragend in seinem Spiel. Brahms als Komponist hat für mich immer etwas sanftes und sehr beruhigendes, anders im heutigen Konzert, dass ich bereits mehrfach live gehört habe (u.a. mit Hélène Grimaud (unter Lionel Bringuier) 2016 und Yuja Wang 2015 (ebenfalls unter Lionel Bringuier für den erkrankten Gustavo Dudamel). In diesem Konzert höre ich einen komplett anderen, neuen Brahms, Levit erscheint mir an diesem Abend fast ein wenig wütend und aggressiv und sehr fordernd in der Kommunikation mit Paavo Järvi, das ist interessant zu sehen und für mich absolut interessant zu hören. Gleichzeitig dann dieses unglaublich tolle Zusammenspiel von Levit mit dem Cellisten PAUL HANDSCHKE (Bravo!) im Andante, das ist so wunderbar. Augen zu und loslassen, aber auch mit geöffneten Augen gibt es viel zu erleben, zusätzlich zu dieser tollen Interpretation, wie Levit sich wegdreht und das Orchester beobachtet oder uns im Saal direkt ansieht, irgendwie fragend, sich wie komplett herausnimmt und wie er dann zurückkehrt zu seinem Einsatz und tatsächlich erneut mit dem Orchester verschmilzt. Und ich bin froh, hat man auf den oft romantisch verkitschten Brahms verzichtet und spielt flotte Tempi, das passt und wie wunderbar gibt Levit dann im Anschluss an dieses unglaublich lange Klavierkonzert dennoch noch eine kleine Zugabe. Nach all dieser Wucht hören wir eine kleine, ganz feine und sehr amüsante Preziose aus den „Tänzen der Puppen“ von Dmitri Schostakowitsch – er spielt die Nr. 5, den „Scherzwalzer“. Oftmals sind Zugaben ein wenig forciert, gewollt und manchmal sogar unpassend, hier ist das einfach der bestmögliche Abschluss nach Brahms, den man sich wünschen kann, er nimmt die Schwere und führt uns leicht, locker und luftig in die Pause.
Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 – Encore Igor Levit: Dmitri Schostakowitsch – „Scherzwalzer“ (Nr. 5) aus „Tänze der Puppen“ – Robert Schumann: Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 „Frühlingssinfonie“



Und nach dieser unglaublich kraftvollen Interpretation von Brahms Klavierkonzert kommt mir Schumanns „Frühlingssinfonie“ an diesem heissen Sommerabend fast ein wenig langweilig, ja dahinplätschernd vor und ich ertappe mich mehrfach dabei, wie ich auf die Uhr sehe (kein gutes Zeichen), aber der vorangehende Brahms ist für mich leider nicht zu toppen. Im Programmheft lese ich, dass nicht nur Brahms, sondern auch Schumann (und wohl viele weitere Komponist:innen) sich lange nicht an eine Sinfonie gewagt haben, so sehr, so dominant wirkte wohl auf alle Beethovens Œuvre, kann man verstehen, nachvollziehen und doch haben auch Schumanns Sinfonien etwas ganz eigenes und müssen sich nicht verstecken, mein Favorit ist sicherlich die 3. Sinfonie (und hier vor allem die Einspielung unter Leonard Bernstein…). Natürlich nehme ich noch diese 30 Minuten mit und stelle einmal mehr fest, wie glücklich wir uns doch schätzen können, haben wir das fulminante Tonhalle Orchester zusammen mit Paavo Järvi, einmal mehr spürt man diese Verbundenheit und es ist offensichtlich, wie gerne die Musiker:innen unter ihm musizieren.
Whats next auf meiner Konzert-Agenda? Ein letztes Konzert noch, bevor es in die Sommerpause geht – mein persönlicher Konzert-Saisonabschluss in der Tonhalle Zürich. Thomas Adès & Kirill Gerstein – zu hören gibt es Werke von Sibelius, Adès (das wunderbare Klavierkonzert!! sowie „Aquifer“) und Ravel…
Zuletzt besuchte Konzerte:
Sol Gabetta & Cello-Ensemble – Tonhalle Zürich 08.06.2026
Adès/Ólafsson: Ligeti/Ravel/Kurtág/Pärt/Adès – Lucerne Festival KKL 14.05.2026
Jacqot/Hadelich: Adès / Beethoven / Mussorgsky– Tonhalle Zürich 24.04.2026
Nagano/Favorin/Forget: Messiaens „Turangalîla“-Sinfonie – Tonhalle Zürich 17.4.2026
Järvi/Janssen: Adès/Brahms/Mendelssohn-Bartholdy – Tonhalle Zürich 11.3.2026
Sonic Matter Festival: Valade / Josefowicz: Kendall / Adès / Chin – Tonhalle Zürich 20.2.2026
Guggeis/Trpčeski: Ravel/Liszt – Tonhalle Zürich 11.12.2025
Rezital Víkingur Ólafsson: Bach/Beethoven/Schubert – Tonhalle Zürich 05.12.2025