Sally Morgan – Ich hörte den Vogel rufen.

Als Sally Morgans Roman „Ich hörte den Vogel rufen“ (im Original: „My Place“) 1987 in Australien erschien, schlug dieser ein wie eine Bombe. Mittlerweile muss man sagen, dass dieser Roman zur wichtigen Standardliteratur gehört, wenn man nach Australien reist und sich mit diesem Kontinent und seiner Geschichte beschäftigt. Es ist ein sehr bewegendes und wichtiges Buch…

Sally Morgan erzählt in diesem autobiographischen Roman über ihre Kindheit und Jugend – es ist eine Suche nach Identität. Morgan wurde 1951 in Perth geboren und lange Zeit glaubte sie dem Narrativ ihrer Familie, dass sie aus Indien stammt, entdeckte dann jedoch, dass sie Vorfahren der Palau aus der Pilbara-Region hat, sie nimmt Kontakt auf, begibt sich auf die Suche nach ihrer Herkunft, nach ihren versteckten Wurzeln der Aborigines-Kultur. Der Roman wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Australian Human Rights Award in der Sparte Literatur – und ist das erste schwarz-australische Buch, das auf Deutsch erschien..

Sally wächst in Australien auf, in einer Familie, die lauter, schräger und herrlicher nicht sein könnte. Die fünf Geschwister hängen aufeinander wie die Kletten. Die Mutter nutzt Religion – egal welche – als Geheimwaffe. Der Onkel bringt trotz ausgiebigem Alkoholgenuss immer mal wieder ein Huhn vorbei und die Oma gräbt mit Sally frühmorgens den quakenden alten Ochsenfrosch aus. Erst mit fünfzehn aber merkt Sally, das in ihrer Familie noch etwas anders ist als bei den anderen: Ihre Oma ist schwarz. Hartnäckig beginnt Sally, die Geschichte ihrer eigenen Familie zu hinterfragen und erfährt schließlich Geheimnisse, die ihre Welt auf den Kopf stellen. (Unionsverlag)

Sallys Geschichte beginnt in den 50er Jahren mit ihren Kindheitserinnerungen, es ist ein Wechselspiel der Gefühle, traurige Momente wechseln sich ab mit Anekdoten aus dem Leben in ihrer Familie, Spass kommt nie zu kurz. Der Vater stirbt früh. Sally Morgen berichtet, erzählt, fabuliert – das ist absolut authentisch, glaubhaft, emotional. Nach diesem ersten autobiographischen Teil kommen drei Verwandte mit ihren (unkommentierten) Biografien zu Wort, alle drei (Grossonkel Arthur Corunna – ca. 1893 bis 1950/Grossmutter Gladys Corunna – 1931 bis 1983/Mutter Daisy Corunna – 1900 bis 1983) gehören der sogenannten „gestohlenen Generation“ an, sie wurden ihren Eltern weggenommen, um sie als Arbeitskräfte zu nutzen, aber vor allem, um sie den Traditionen und der Kultur der Aborigines zu entfremden. Ein lange Zeit totgeschwiegenes Thema – die leidvolle Seite der Geschichte Australiens. Man erfährt viel über Aboriginal Life, lernt Begriffe wie „Blackfellas“ und „Whitefellas“ kennen, liest aber auch viel über spirituelle Aspekte dieses Lebens (in einer bunten Mischung aus anerzogenem christlichen Spiritismus und dem Leben der Aborigines in und mit der Natur). Reist man nach Australien, gehört – neben weiteren australischen Autoren und dem obligatorischen Reiseführer – dieses Buch zur Standardliteratur. Aber auch sonst möchte ich dieses bewegende Buch jedem ans Herz legen.

„Ich hörte den Vogel rufen“ von Sally Morgan, Unionsverlag, ISBN: ISBN 978-3-293-20812-4 (Werbung)

Weitere australische Autor:innen/Literatur:

Patrick White – Der Maler/Im Auge des Sturms/Die Twyborn-Affäre

Colleen McCullough – Dornenvögel

Zuletzt gelesen:

Jan Costin Wagner – Einer von den Guten

Emmanuelle Bayamack-Tam – Sommerjungs

Lars Kepler – Der Hypnotiseur

Banana Yoshimoto – Ein seltsamer Ort

János Székely – Eine Nacht, die vor 700 Jahren begann

Benjamin von Stuckrad-Barre – Noch wach?

Javier Marías – Berta Isla/Tomás Nevinson

Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen

Virginie Despentes – Liebes Arschloch

15 Kommentare

    1. arcimboldis_world

      Mich hat das Buch sehr bewegt, auch wenn es zu Beginn etwas von einem Schulaufsatz hat, aber dadurch wirkt es wirklich absolut authentisch und diese spirituellen Sachen fand ich manchmal etwas – naja, nicht so mein Ding. Aber es gibt einen sehr guten Einblick in dieses Generation von Aborigines, die man ihren Eltern weggenommen hat und man kann diese Suche nach Identität so gut nachvollziehen. Ich finde das ein sehr wichtiges Buch, wenn man sich für den australischen Kontinent interessiert. Ich bin gespannt, wie Du es findest. Herzlichst aus Zürich, A.

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