Guggeis / Trpčeski: Ravel/Liszt – Tonhalle Zürich 11.12.2025

Mit schnellen Schritten rasen wir auf das Jahresende zu und so ist dies mein letztes Konzert 2025 in der Tonhalle Zürich. Das Programm ist ungewöhnlich, die Umstände ebenso – es gibt Werke von Ravel und Liszt, zudem musste relativ kurzfristig der Dirigent THOMAS GUGGEIS für den erkrankten Philippe Jordan einspringen, konnte jedoch das geplante Programm ohne Änderungen übernehmen. Und als hätte man das fast vergessen, ist es irgendwie auch eine späte Hommage – quasi auf den letzten Drücker – in diesem, seinem Jubiläumsjahr zum 150. Geburtstag von Maurice Ravel…

Ich sitze auf meinem Lieblingsplatz und habe einen wunderbaren Blick auf den Pianisten und vor allem auf den Dirigenten, denn das finde ich das Spannendste überhaupt an den Konzerten, denn jeder Dirigent ist eine eigene Story für sich. Und der junge Einspringer Thomas Guggeis fasziniert mich, denn einerseits ist seine extreme Gestik, Mimik, seine ganze Kommunikation mit dem Orchester und dem Solisten absolut ungewöhnlich und in gewisser Art und Weise für mich schräg, gleichzeitig finde ich seine Art zu Dirigieren auch faszinierend und kann mich ihm fast nicht entziehen. Und ich glaube er und der Solist des Abends SIMON TRPČESKI haben sich hier komplett gefunden und harmonieren wunderbar miteinander, alleine schon wegen der Zugabe der Beiden nach dem ersten Teil lohnt sich das Konzert – sie spielen vierhändig Ravels „Ma Mère l’Oye“. Das Konzert beginnt mit den „Valses nobles et sentimentales“, eine ideale Einstimmung zur Programmatik des Abends und gut, um in diesem Konzert nach einem anstrengenden Tag anzukommen, denn mit Walzerklängen kann ja bekanntlich jeder. Und wie wir später bei den informativen Ausführungen des Dirigenten vor dem finalen „La Valse“ hören, nimmt er hier schon einiges der späteren Werke vorweg. Vor der Pause dann noch das aussergewöhnliche Klavierkonzert Nr. 2 von Franz Liszt, dass im krassen Gegensatz zu den Ravel’schen Walzern steht und sich in dieser Interpretation für mich komplett neu anhört (das letzte Mal ist auch schon lange her….), so kraftvoll, fast schon wütend und brutal peitscht Guggeis, gemeinsam mit dem Solisten das Orchester durch dieses Konzert, wie unglaublich sanft und seidenweich tönt dann plötzlich in dieser kraftvollen Musik dieses zarte Cello-Solo, herrlich musiziert von RAFAEL ROSENFELD, das ist wunderbar und berührt mich sehr.

Nach den Zugaben – Ravels „Ma Mère l’Oye“ und dem „Valsa da dor“ des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos kommt dann ein kleiner Schock, wenn man das Foyer betritt, denn von nebenan aus dem Kongresshaus wummern die Bässe einer Weihnachtsfeier.

Maurice Ravel: „Valses nobles et sentimentales“ – Franz Liszt: Klavierkonzert Nr. 2 A-Dur – Encores: Maurice Ravel: „Ma Mère l’Oye (vierhändig Guggeis & Trpčeski) & Heitor Villa-Lobos: „Valsa da dor“ (Trpčeski))– PAUSE – Maurice Ravel: „Daphnis et Chloé“ Suite Nr. 2 – Maurice Ravel: „La Valse“

Ich gebe es zu, ich bin nicht der grosse Ravel-Fan, aber seine Werke finde ich schon speziell und aussergewöhnlich – das merke ich einmal mehr nach der Pause, bei der Suite Nr. 2 aus „Daphnis et Chloé“, Musik aus einem Auftragswerk für die Ballett Russe, leider damals zunächst komplett gefloppt. Aber was für eine Musik, was für ein anfangs wabernder Klangteppich, der sich dann bis ins Unermessliche steigert und dazu Thomas Guggeis, der den kompletten zweiten Teil auswendig dirigiert und auf seinem Podest tanzend das Orchester führt. Wirklich strange, aber klasse! Was für ein interessantes Stück, was für ein virtuoses Spiel der Solistin SABINE POYÉ MOREL an der Flöte! Überhaupt ist es einmal mehr ein Genuss, dieses tolle TONHALLE ORCHESTER zu hören. Vor dem finalen „La Valse“ dann noch eine kurze musikgeschichtliche Einführung zu diesem tausendmal in allen möglichen Konzertsälen gehörten Meisterwerk Ravels, der damit quasi das Ende des Walzers instrumentiert. „La Valse“ ist zwar ein Konzert-Repertoire-Gassenhauser (was ja nicht per se schlecht ist), aber auch ein grandioser Schlusspunkt zu diesem ungewöhnlichen Konzert. Besser hätte mein Konzertjahr in der Tonhalle nicht enden können. Doch halt, ich habe ja noch zwei wunderbare Konzerte vor mir: Sophie Hunger, Faber und Brandao mit „Ich liebe Dich“ im Kaufleuten und der wunderbare Michael von der Heide mit seiner Hommage an Hildegard Knef, die am 28. Dezember 100 Jahre alt geworden wäre. Und in die Tonhalle geht es dann wieder Ende Januar…

What’s next auf meiner Orchester-Konzert-Agenda? Paavo Järvi, Hélène Grimaud und das Tonhalle Orchester spielen Janáček, Gershwin und Sibelius.

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