Rachmaninow – Die drei Opern: Aleko / Skupoi Rytsar / Francesca da Rimini – Oper Zürich 04.11.2026

Kaum hat der Herbst begonnen, kann man schon sagen, dass diese Neuproduktion der Oper Zürich wohl eines der Highlights der Saison sein wird, denn mal ganz ehrlich, wann kann man schon Rachmaninows drei (Kurz-)Opern an einem Abend hintereinander weg sehen, verschmolzen zu einer komplett neuen Lesart / Inszenierung, die (fast) keine Wünsche offen lässt? Auch musikalisch bläst einen dieser Abend förmlich weg…

Unter dem abendübergreifenden Titel „Rachmaninow: Die drei Opern“ haben „Aleko“, „„Skupoi Rytsar“ (oder „Der geizige Ritter“) und „Francesca da Rimini“ in der Regie von DMITRI TCHERNIAKOV ihre gemeinsame Premiere und die Regie schafft es, die Handlung dieser drei Werke spannend und schlüssig in einer Seniorenresidenz anzusiedeln und glaubhaft einen quasi neuen Handlungsbogen zu erzählen. Die grobe dramaturgische Klammer hierfür bilden einzelne Biografien der Bewohner:innen aus längst vergangenen Zeiten, die man sich gegenseitig erzählt, vorspielt, gemeinsam darüber lacht, darüber weint, sich amüsiert und dann – wie das in Altersheimen in der Lesart Tcherniakovs so ist – mit Gehilfen und Rollatoren gemeinsam in einer Polonaise durch die Zimmerfluchten tänzelt und sich durch die Zeit treiben lässt. Das hat Witz und bietet eine immense Bandbreite an darstellerisch köstlichen Momenten, angefangenen bei hysterischen Schwächeanfällen bis hin zum übertriebenen Operntod und sogleich zu Hilfe eilenden Ärztinnen und Pflegern. Natürlich hat man einen Mehrwert, wenn man sich vorab mit der Handlung der einzelnen Werke auseinandersetzt,, aber – und das finde ich sehr bemerkenswert – der Abend funktioniert auch so, die Libretti funktionieren und Tcherniakov kann auf ein famoses Ensemble zurückgreifen, das nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch brilliert. Der Rahmen verschwimmt, drei Werke werden zu einem grossen Ganzen, die Pause findet inmitten des zweiten Werkes statt, die Übergänge sind fliessend, logisch, glaubwürdig. Während die ersten beiden Geschichten aus der Feder des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin stammen, basiert „Francesca da Rimini“ auf einem Text aus Dante Alighieris „Die göttliche Komödie“ und natürlich drängt sich damit automatisch die Frage auf, ob letzterer auch Ideengeber war für die grosse Frage des Abends – ist das Alter (aka der letzte Lebensabschnitt in einer Seniorenresidenz) letztendlich die finale Hölle oder zumindest ein Teil davon? In einigen Momenten kommt es mir so vor. Dramatisch ist es jedenfalls. Und die Personenregie dazu ist grossartig (einzig das Overacting von ELENA STIKHINA als Zemfira in „Aleko“ – eigentlich eine äusserst witzige Parodie einer gealterten „Carmen“ mit grosser roter Blüte im grauen Haar – ist für mich stellenweise too much… – ich mag sie dann eher wieder als „Francesca“ mit all dem fast wagnerianischen Pathos). Durchgängig wird eine Geschichte erzählt, jeder Charakter bleibt sich treu, ist über alle drei Opern hinweg glaubwürdig, durch die leicht karikierenden Kostüme von ELENA ZAYTSEVA überzeichnet und doch durchwegs ernst zu nehmen in ihren Handlungen. Die Meinungen über dieses Konzept sind sicherlich geteilt, ich finde es absolut grossartig und freue mich bereits jetzt auf einen weiteren Besuch dieser Produktion in zwei Wochen. Der Abend erzählt so viele Details und Kleinigkeiten, die man an einem Abend nicht erfassen kann. Was jedoch bleibt, ist das Gespür des Regisseurs für die Musik, die er teilweise genial und mit detailreicher Personenregie umsetzt, die Drehbühne, die vielen Gänge und Lichtstimmungen (Die Bühne ist ebenfalls von DMITRI TCHERNIAKOV, das fabelhafte Licht von GLEB FILSHTINSKY, die Videos von TIENI BURKHALTER) tragen ebenfalls dazu bei, dass die Zeit im Flug vergeht, der Abend kurzweilig ist.

Schauspieler in gemustertem Sakko auf einer Theaterbühne vor roten Vorhängen

Absolut beeindruckend und Star des Abends ist VLADISLAV SULIMSKY in allen drei Hauptrollen (Aleko, Der Baron und Lanciotto Malatesta) – durchgehend auf der Bühne, omnipräsent und mit wunderbarem Bariton, prächtig auch der mächtige Bass von AIN ANGER (als alter Mann / Vergil) und der strahlende Tenor von DMYTRO POPOV (als Albert, Sohn des Barons). Aber auch alle weiteren Rollen sind stimmlich und darstellerisch hervorragend besetzt: BEKHZOD DAVRONOV (als Junger Mann / Paolo), DOMINIKA STEFAŃSKA (als alte Frau), ALEXEY DOLGOV (als Dante), PAVEL YANKOVSKY (als der Herzog) und STANISLAV VOROBYOV (als Iwan). Schön – einmal mehr – ELENA STIKHINA (die ich als Salome in der letzten Zürcher Salome-Produktion phänomenal fand, ebenso als Puccinis „Manon Lescaut„) zeigt einmal mehr ihre immense stimmliche Bandbreite (als Zemfira / Francesca) geht aber fast ein wenig unter in dieser doch sehr männerlastigen Besetzung dieser Werke, wurde aber durch die Regie etwas upgegraded. Das fantastische Bühnenbild wird nie langweilig und in der zweiten Hälfte gibt es einige Momente, in denen man das Gefühl hat, die komplette Welt in dieser Rachmaninow-Villa löst sich auf, während es draussen schneit und dann wieder Dantes Inferno hell lodert, während genau diese Emotionen zeitgleich aus dem Graben tönen. Grossartig diese Drehbühnen-Choreografie! GIANANDREA NOSEDA und das ORCHESTER DER OPER ZÜRICH bieten weitaus mehr als die Soundkulisse für diese Dramen, die Musik aller drei Werke tönt intensiv und spannungsgeladen und mit einer unglaublichen Bandbreite an Emotionen, es gibt viele wuchtige Blech-Momente, dann wieder begeisterte Zartheit, Sanftheit und wohltuende Ruhe. Den musikalischen Clou des Abends finde ich jedoch die Platzierung des Chores (Einstudierung: KLAAS-JAN DE GROOT) im obersten Rang – fast polyphon erscheint mir stellenweise diese Musik, die von oben herabrauscht mit einer Wucht, die zu den betörenden Bildern der Drehbühne so sehr passt, als wären diese Momente genau so von Rachmaninow gewünscht. Die letzten 30 Minuten in dieser „göttlichen Komödie“ zieht die musikalische Romantikschraube immer höher bis zur (für mich) stellenweise fast unerträglichen Apotheose und entlässt mich dann ziemlich aufgewühlt in die Nacht, hinaus auf den Sechseläutenplatz. Die emotionale Wucht dieser Musik hallt noch lange nach. Grossartig, dieser Abend!

Whats next? – Natürlich eine weitere Vorstellung dieser absolut sehenswerten Produktion der drei Opern Rachmaninovs („Aleko“, „Skupoi Rytsar“ & „Francesca da Rimini“), danach folgt folgt eine meiner wohl am häufigsten gesehenen Lieblingsopern – „Elektra“ von Richard Strauss (Oper Zürich – am Pult Lorenzo Viotti, Neuinszenierung von Lydia Steier)…

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