Es ist die letzte grosse Neuproduktion des Zürich Ballett in dieser Saison und erstmals – dabei längst überfällig – eine Zusammenarbeit von Ballettdirektorin CATHY MARSTON mit dem Generalmusikdirektor der Oper Zürich GIANANDREA NOSEDA. Shakespeares „Romeo und Julia“ kennt natürlich jedes Kind – abgedroschen ist es jedoch keineswegs, sondern immer noch, immer wieder bewegend mit der fantastischen Musik Prokofjews und jetzt an der Oper Zürich in einer absolut sehenswerten, sehr berührenden Umsetzung…
Der Vorhang öffnet sich und wir blicken in ein liebliches terrakottafarbenes Stadtbild Veronas mit Arkaden und Treppenaufgängen, kaum zu glauben, dass hier zwei verfeindete Familien ihre Kämpfe austragen und sich bekämpfen, auch wenn das der Realität im 16. Jahrhundert entsprach. Und natürlich kennt jeder die wohl grösste und tragischste Liebesgeschichte der Welt: Shakespeares „Romeo und Julia“. Die grossartige Musik Sergej Prokofiesws nimmt die Tragik von Beginn an vorweg, auch wenn das Stück mit lebenslustigem Treiben auf den Strassen, auf einem Blumenmarkt beginnt, spätestens am Ball, beim „Tanz der Ritter“ ist klar, das gibt kein Happy End. Und alleine schon wegen dem hervorragend musizierendem ORCHESTER DER OPER ZÜRICH unter GMD GIANANDREA NOSEDA lohnt sich der Besuch, spannend ausgelotet bis zum Schluss hört man diese herrlichen stellenweise dissonanten, unheilverkündenden Klänge, in keinem Moment ist Kitsch oder Pseudo-Sentimentalität zu hören (auch nicht auf der Bühne zu sehen), das ist so stimmig und nie gefühlsduselig, sondern prägnant, packend, aufwühlend, wunderbar. CATHY MARSTON, die das Werk 2019 bereits in minimaler Besetzung an den Bühnen Bern realisierte, hat hier in Zürich mit ihrer Company, dem Junior-Ballett, Studierenden der Tanz-Akademie und auch noch externen Zuzügern selbstverständlich ganz andere Mittel zur Verfügung. Der erste Teil ist äusserst luftig, lebensfroh, dient der Einführung der Figuren, gut zu erkennen die beiden Clans in unterschiedlichen Farben (die Montagues in verschiedenen Rottönen, die Capulets in verschiedenen Blautönen, die Zeit nicht verortet, aber minimal zitiert, schön sieht das aus, mir gefallen vor allem auch die stilisierten Krinolinen – Bühnenbild und Kostüme: DAVID FLEISCHER). Und Cathy Marston erzählt uns die Geschichte mit neuen Elementen und der ihr immer wieder ganz eigenen psychologischen Tiefe und Glaubhaftigkeit ihrer Figuren, es wird bei ihr eben nicht nur getanzt und oberflächlich erzählt, nein, wir blicken in die Abgründe, in das Innenleben ihrer Protagonisten, da wird selbst die – mehr oder weniger – Randfigur des Pater Lorenzo (BRANDON LAWRENCE) zu einer tragenden Figur, der mich ein wenig an fernöstliche Mönche erinnert, jedenfalls sehr in sich ruhend und doch auch permanent seinen Segen (auf jedem Kopf der sich ihm bietet) verteilend, während Angelica (YUN-SU PARK), Lady Capulets Nichte – aka im Original die Amme – selbst eine Liebende ist und mit Tybald (einer meiner absoluten Favoriten in dieser Besetzung: ESTEBAN BERLANGA, stark, kraftvoll, omnipräsent, toll ihn nochmals auf der Bühne zu sehen!!!) verbandelt. Sie versteht also Julias Gefühlswelt, später ihren Schmerz, als Figur eher eine Freundin denn eine Hüterin von Zucht, Ordnung und Moral. Während also einige der Figuren stärker in den Fokus rücken, erscheinen mir hingehen manche Personen etwas blass, wie etwa Julias Eltern (JESSE FRASER als Lord Capulet, DANIELA GÓMEZ PÉREZ als Lady Capulet). Gekämpft und getötet wird nicht mit Stichwaffen und Gift, vielmehr sind es symbolträchtige Spiegelscherben, das funktioniert sehr gut, zumal sie aus dem ersten Mord an Mercutio stammen, der das weitere Blutvergiessen erst auslöst. Mercutios Verletzung und sein Tod sind absolut glaubwürdig und sehr bewegend. Überhaupt gefällt mir ERIK KIM in dieser Rolle sehr gut (ein schönes Duo gemeinsam mit BREANNA FOAD – aka Benvolio im Original – als Romeos Cousine Benvolia. Und mit dem Schockmoment von Mercutios Tod entlässt man uns in die Pause, als sich der Vorhang wieder hebt, blicken wir in ein anderes Verona, der Tod hat Einzug gehalten, die liebliche Romantik, die warm leuchtenden Bögen und Treppen sind verschwunden, es wirkt, als wäre jegliche Lebensfreude erloschen, die beiden jungen Verliebten sind in der Realität angekommen, das tragische Ende vorprogrammiert, die Bühne dunkel, es bleibt ein einziges Treppenhaus als weiteres Spiel-Element und es endet im Nichts, der Weg führt nirgendwohin. Und es ist ein sehr starkes Bild, wie alle aus ihrem Freeze erwachen, das Leben mit Trauer und Verlust weitergeht, grossartiger Moment sind die Trauerzüge für Mercutio und Tybald!

Den Romeo von CHANDLER DALTON finde ich etwas blass, ein wenig zu naiv, und eindimensional, NANCY OSBALDESTONs Julia hingegen ist hinreissend – jedoch sind beide in ihren Rollen absolut glaubwürdig, die jugendliche Verliebtheit, das Ungestüme und letztendlich Julias Schmerz, als sie feststellen muss, dass ihr Plan nicht aufgeht und ihre grosse Liebe stirbt, ist sehr bewegend und mündet in ein emotionales Finale, hier setzt Cathy Marston eher auf Authentizität, denn auf grossen Pathos (wie ihn seinerzeit Christian Spuck vor einigen Jahren gezeigt hat), eine Versöhnung der Familien gibt es nicht, in inniger Umarmung liegen die beiden Sterbenden bis der Vorhang sich senkt. Marstons Choreografie basiert auf klassischen Elementen, viel auf Spitze wird getanzt, ergänzt mit zeitgenössischen Bewegungsabläufen, besonders gut gefällt mir der zackig-kantige Tanz der Ritter im ersten Akt, dazu viele Hebungen und Sprünge, erstaunlich wenig Paar-Arbeit für Romeo und Julia. Natürlich ist diese Produktion keine Neudeutung (muss sie ja auch nicht sein!), dafür sehr solide und absolut packend erzählt. Gute Geschichten muss man nicht neu erfinden. Mittlerweile sind fast alle Vorstellungen inklusive Zusatzvorstellung so gut wie ausverkauft, kann gut sein, dass dies ein Dauerbrenner am Haus wird – jedenfalls gab es in der von mir besuchten Vorstellung euphorische Standing Ovations…
What’s next auf meiner Tanz-Agenda? „Kontakthof – Echos of ’78“ von Pina Bausch (bzw. Neubearbeitung von Meryl Tankard) in Lugano. Darauf bin ich sehr gespannt!
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