Das neue Programm „FALL“ der niederländischen Kompanie INTRODANS tourt noch bis 3. Dezember und macht auch Station im Theater Winterthur, nach dem grossartigen Gastspiel von Marcos Moraus „Sonoma“ (La Veronal) ein weiteres Ballett-Highlight an diesem immer wieder interessant programmierten Gastspielhaus. Zu sehen ist ein moderner Klassiker – AKRAM KHANs „Kaash“ sowie die beiden Choreografien „FALL“ und „PURE“ von SIDI LARBI CHERKAOUI…
Introdans aus Arnhem eröffnet diesen Tripple-Bills-Abend mit „Kaash“ von Akram Khan, einem energetischen und gleichsam meditativen Stück von 2002, welches seinen Erfolg begründete und ihn zu einem gefragten Choreografen machte. Das Stück ist eine Mischung aus zeitgenössischem und indischem Kathak-Tanz und wird sehr durch die rhythmische Musik NITIN SHAWNHEYS bestimmt, ja fast schon dominiert mit der stakkatohaften Rezitation von Wörtern und Tönen. Neben den vielen treibenden Momenten und Sequenzen, mit immenser Armarbeit, unzähligen Drehungen und schwingenden Hosen-Röcken gibt dieser ganz eigene Kosmos auch Raum für Ruhe. ANISH KAPOOR hat dafür einen Raum geschaffen, der mit seinen Lichtwechseln und kräftigen Rottönen zusätzlich für eine ganz eigene Ästhetik sorgt, der Backdrop erinnert zu Beginn fast an ein Rothko-Gemälde. Schön ist das. Nach dem Applaus für „Kaash“ wird ein mehrminütiger Film auf den Vorhang projiziert, der uns die Tänzer des Programms FALL auf ihrer Probebühne vorstellt – kein gleichförmiges Ensemble, sondern unterschiedliche Tänzer:innen mit unterschiedlichen Tanzsprachen, Ausdrucksformen, Charakteren.

So bleibt etwas Zeit für den kurzen Umbau zu „PURE“, ein sehr virtuoses und lyrisches Duett von Cherkaoui von 2011. Ich habe gelesen, dass dieses grosse Pax de deux ausschliesslich von Paaren getanzt werden kann/darf, die auch privat ein Paar sind. Das ist ein interessanter Aspekt und so geben in dieser Besetzung VÉRINE BOUWMAN und SALVATORE CASTELLI Einblick in ihre Beziehung, ihre Verletzungen, ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen. Es sind schöne, fliessende Bewegungen, Hebungen, Verrenkungen, sie balancieren und halten sich häufig im Gleichgewicht. Die Umsetzung mit dem üppigen Bodennebel, den weissen Kostümen, der schwarzen Farbe und den dabei entstehenden Kalligraphien, die wohl auch für Narben, für Verletzungen stehen, ist dann aber doch etwas plakativ und an der Grenze zum Oberflächlichen.

Den Abend beschliesst nach der Pause das namensgebenden Stück „FALL“ von Sidi Larbi Cherkaoui, der es 2015 für das Royal Ballet of Flanders in Antwerpen schuf und mit der meditativen Musik Arvo Pärts (immer wieder wundervoll!) einen konstanten Bewegungsfluss zelebriert, der nie zu enden scheint – die betörende Musik wird durch die wallenden Stoffe des Bühnenaushangs verstärkt – das ganze Leben ist ein Fluss, ein Kommen und Gehen, ein ewiger Wechsel der Jahreszeiten. Thematisiert wird der ständige Kampf, der Tänzer:innen mit der Schwerkraft, aber auch die sich verändernden fallenden Blätter im Herbst, zu sehen sind viele Hebungen, Duette, Trios, die sich gegen Ende immer mehr auflösen, fast so, als würde sich das Ensemble nach und nach erden, festen Boden finden, sich verwurzeln. Grossartiges Licht- und Setdesign dazu von FABIANA PICCIOLI und SANDER LOONEN, wunderschöne Kostüme von KIMIE NAKANO. Fast ist man traurig, dass der Abend zu Ende geht, sich diese Choreographien wie still und leise von der Bühne schleichen, einzelne Tänzer:innen sich unter den Stoffbahnen verkriechen, während Pärts Musik und Glockenschläge (ist es „Cantus in Memory of Benjamin Britten“? Ich bin mir nicht ganz sicher…) mich einlullen. Das hätte gerne noch lange so weitergehen können, dieser meditativer Sog nimmt mich gefangen. Sehr schön! Wohlverdienter Applaus! Bravi!
Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:
La Veronal: Sonoma – Theater Winterthur 11.11.2023
Florentina Holzinger: TANZ – Theaterhaus Gessnerallee 10.11.2023
Nachtträume – Ballett Zürich Wiederaufnahme 04.11.2023
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Gauthier Dance Company: The Seven Sins – Theater Winterthur 14.04.2023
ANNE TERESA DE KEERSMAEKER: 5AGON – MUSÉE D‘ART MODERNE DE PARIS 31.03.2023
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