Florentina Holzinger: TANZ – Theaterhaus Gessnerallee Zürich 10.11.2023

Die österreichische Choreographin und Performancekünstlerin FLORENTINA HOLZINGER kommt mit ihrer Produktion TANZ nach Zürich und alle strömen hin, beide Vorstellungen im Theaterhaus Gessnerallee komplett ausverkauft. Warum ist das so…?

Die Frage nach dem Erfolg Holzingers ist berechtigt, denn sieht man genauer hin, entpuppen sich die gut 2 Stunden doch eher als heisse Luft und plakative Action und man fragt sich, welches Ereignis in Holzingers Lebenslauf wohl diese grosse Lust an der Dekonstruktion des klassischen Tanzes entfacht hat? Sind es persönliche Beweggründe oder einfach die Tatsache, dass sie mit ihren Stücken einen oder sogar den Nerv der Zeit getroffen hat und sie das mit all ihren Stücken nun ausschlachtet. Das ist auch legitim. TANZ ist der Abschluss ihrer Trilogie über den Körper und dessen Disziplinierung, hatte bereits 2019 Premiere und tourt seitdem, die ursprünglich geplanten Vorstellungen in Zürich mussten wegen Corona abgesagt und bis jetzt verschoben werden. Das Stück beginnt zart mit dem Stangentraining der Tänzerinnen, Ballett-Routine, Alltag. In einer anfänglich sanft wirkenden Mutterrolle, als grosse Beschützerin, Wächterin der Tänzerinnen dominiert die 82jährige BEATRICE CORDUA das Geschehen und plaudert auch mal aus dem Nähkästchen ihrer langjährigen Bühnenkarriere, während sie die Trainingssession der Tänzerinnen an der Stange anleitet, die zwar zu Beginn in Trainingskleidung am Barren stehen, sich aber sehr schnell ausziehen, denn das erwartet man auch von einem Stück von Holzinger. Nur Frauen, immer nackt, viele Triggerwarnungen und explizite Handlungen, Blut, Körperflüssigkeiten. Das überwiegend junge Publikum, das wohl zu grossen Teilen aus der ZHdK-Bubble, Performance- und freien Szene besteht, harrt dem Geschehen und gibt sich interessiert bis begeistert. Spätestens wenn Body Suspension im Fokus steht und in gefilmten Grossaufnahmen live verfolgt werden kann, wie am oberen Rücken Piercings gesetzt werden, an denen eine Protagonistin dann hexengleich über allen schwebt – dem vielen Adrenalin sei Dank wirkt sie wie aufgepeitscht, aufgeputscht – verlassen mehrere Zuschauer:innen den Saal. Es ist tatsächlich auch für mich ein Moment, der abstösst und gleichzeitig fasziniert. Natürlich kann man alles zur Kunst machen, zu Kunst erklären, es geht ja immer nur um die Behauptung. TANZ ist eine illustre Mischung aus Bewegung, Akrobatik, Martial Arts, viel Trash und Popkultur, nachhaltig ist das nicht, muss es auch nicht, will es vielleicht auch gar nicht sein. Ist es eine Reminiszenz an Johann Kresnik? An die Blutrituale eines Hermann Nitsch? Die Feuilletons und Kultursendungen sind jedenfalls sehr interessiert und berichten.

TANZ ist unterhaltsam, die Zeit vergeht wie im Flug, bis auf eine kurze und äusserst langweilige Unterbrechung, bei der Holzinger sich als Jahrmarktattraktion anpreist, als Marktschreierin, als „Mentalist“ versucht, um Geld für ein Projekt in der Steiermark, ihrer Heimat, zu generieren. Wen interessiert das? Diese gut 15 Minuten dauernde Langeweile hätte man sinnvollerweise auch als Toilettenpause nutzen können. Nach dieser „Pause“ folgt eine bunte Melange aus dem dekonstruierten romantischen Ballett „La Sylphide“ (vom dem noch heutzutage das Tutu und die Spitzenschuhe geblieben sind, die auch in Holzingers Version zitiert werden…) und Splatter Anleihen ohne Ende. Die imposanten Motorräder werden auch wieder bespielt, die Hexenbande treibt ihr Unwesen, während Beatrice Cordua blutüberströmt eine Ratte zur Welt bringt und auf den „süssen Tod“ wartet. Getöse, Action, Vorhang zu, Vorhang auf, Lokalmatadorin und Oberhexe Annina Machaz thront zuletzt über allem und irgendwann ist der Spuk vorbei und man kann endlich an die Bar und ein Bier bestellen. Nun hat man ein Stück von Florentina Holzinger gesehen, kann das Thema also abhaken.

Fotos: © Nada Žgank

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