Brigitte Giraud – Schnell Leben.

Der aktuelle Roman von Brigitte Giraud „Schnell Leben“ (im Original „Vivre vite“), für den sie 2022 den Prix Goncourt erhielt, liegt jetzt auf Deutsch bei der Frankfurter Verlagsanstalt vor. Es ist eine detailgenaue Rekonstruktion des letzten Tages ihre Mannes Claude, bevor dieser durch einen Motorradunfall vor 20 Jahren ums Leben kam…

Diese Art mit dem Unfall umzugehen ist ungewöhnlich, sehr persönlich, gleichzeitig nüchtern und distanziert. Es ist eine Spurensuche, es ist eine breitangelegte Suche nach Antworten, die sich zwar finden lassen, aber ein Schuldiger kann nicht benannt werden, denn es ist eine Verquickung unzähliger Umstände, die Giraud minutiös recherchiert, beschreibt und uns als Leserschaft daran teilhaben lässt. Es ist ihre Art der Verarbeitung dieses einschneidenden Ereignisses. Es ist aber auch das zelebrierte Ende eines Lebensabschnitts, eine wohl vorläufig letzte Analyse, eine letztmalige Fragestellung, ob dieser Tod hätte verhindert werden können – eine lesenswerte Mischung aus Essay, Recherche, Autobiografie.

Vor zwanzig Jahren hat Brigitte Giraud den Mann ihres Lebens, Claude, bei einem Motorradunfall verloren. Drei Tage später ist sie mit ihrem kleinen Sohn in das neue Haus, das sie zusammen mit Claude gekauft hat und in dem er nun niemals wohnen wird, gezogen. Wer die Schuld an dem Unfall trägt, bleibt unaufgeklärt, ihre Fragen unbeantwortet. Als sie zwanzig Jahre später gezwungen ist, das Haus zu verkaufen, das dem Erdboden gleichgemacht werden wird, fühlt es sich für sie an, als würde sie Claudes Seele verkaufen. Der Moment ist gekommen, sich ihrer Vergangenheit zuzuwenden. Erstmals traut sie sich, sich dem »Was wäre gewesen, wenn« zu stellen. Girauds intime Suche umkreist universelle Fragen: »Was im Leben löst die Katastrophe aus? Existiert das Schicksal?« (Frankfurter Verlagsanstalt)

Streng formal beschreibt Giraud faktenreich, wie es zum dem Unfall kommen konnte und beleuchtet dabei die unterschiedlichsten Aspekte, es ist ihre Art sich dem Vorgang zu nähern, ihre Art heute mit diesem Unfall umzugehen. Immer wieder taucht die Frage nach der Schuld auf, es ist eine Verkettung vieler Umstände, niemand ist schuld und doch hat man das Gefühl, jede Person, jeder Umstand hat zu Claudes Tod beigetragen. Das löst etwas Unbehagen aus, auch wenn niemand benannt wird. Und bei aller Tragik ist „Schnell Leben“ auch eine Liebesgeschichte.

„Schnell Leben“ von Brigitte Giraud, 2023, Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: ISBN 978-3-627-00313-5 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein digitales Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei der Frankfurter Verlagsanstalt sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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