Gleich vorneweg – schon lange habe ich nicht mehr so einen wunderbar leichtfüßig-spritzigen Lehár gehört, wohltuend ohne die oft so üppig-pappige Walzer-Rührseligkeit. Schlank und präzise wird musiziert, sehr modern tönt die Premiere der Operette „Die lustige Witwe“ mit dem jungen PATRICK HAHN am Pult der PHILHARMONIA ZÜRICH aus dem Graben…
Die Erwartungen an ein weiteres flirrendes BARRIE KOSKY-Regiespektakel waren einmal mehr sehr hoch, ist er doch dafür bekannt, Operetten zu entstauben und dem Genre erfolgreich zu einem Comeback zu verhelfen (nebst seinen wunderbaren Operninszenierungen). Ich würde sagen, diese Premiere war ganz nett, jedoch kein allzu grosser Wurf, auch wenn es melancholisch und berührend schön beginnt und absehbar auch so endet. Koskys Konzept des Rückblicks auf das Leben einer gealterten Witwe hat etwas sehr rührendes, menschliches, bewegendes und so ist das Finale kein grosses „Lippen schweigen, es flüstern Geigen“ Schmalz-Finale, sondern ein wunderbar sentimentaler Moment einer liebenden Witwe, die offenbar ein lustiges Leben hatte und nun (wieder) alleine durchs Leben gehen muss. Das ist sehr schön und gelungen – wenn Hanna Glawari zuletzt einsam am Flügel sitzt und das Bild ihres (wohl verstorbenen) Mannes in den Händen hält, bevor das Licht ausgeht. Quintessenz: Kein (gemeinsames) Glück währt ewig. Das ist aus dem Leben gegriffen und wohl deshalb auch so stark und berührend. MICHAEL VOLLE ist ein wunderbarer polternder, leicht abgehalfterter Graf Danilo Danilowitsch, ein glaubwürdiger Lebemann, dem die grossen Worte „Ich liebe Dich“ nur schwer über die Lippen kommen, dem man seine Liebe für diese eine Frau, aber fortwährend abnimmt. Wunderbar diese Melancholie, wenn er davon singt ins Maxim zu gehen, zu einem anderen, leichten Leben, wohltönend seine profunde Stimme, die in Zürich schon mehrfach in den unterschiedlichsten Rollen zu hören war. MARLIS PETERSEN als Hanna Glawari habe ich mit mehr und besser bei Stimme in Erinnerung – sie war zwar nicht so angekündigt, klang aber etwas indisponiert. KATHARINA KONRADIs Valencienne hat die nötige hysterische Quirligkeit einer „anständigen Frau“, ANDREW OWENS ist ein eher tapsiger Camille de Rosillon, seine Stimme empfinde ich immer etwas aufdringlich, könnte stellenweise etwas schmaler geführt werden, dennoch ist sie voller Wohlklang und sicher in den Höhen. MARTIN WINKLER als Baron Mirko Zeta und Njegusch – mit Schauspielerin BARBARA GRIMM interessant besetzt – funktionieren bestens miteinander, auch wenn manche der Plattitüden besser gestrichen würden, viele dieser Gassenhauer erscheinen heutzutage nur noch verstaubt, das Publikum amüsiert sich dennoch. Auch in den vielen weiteren kleinen Rollen ist diese „Lustige Witwe“ hervorragend besetzt: OMER KOBILJAK als Vicomte Cascada, NATHAN HALLER als Raoul de Saint-Brioche, VALERIY MURGA als Bogdanowitsch, MARIA STELLA MAURIZI als Sylvaine, CHAO DENG als Kromow, ANN-KATHRIN NIEMCZYK als Olga, ANDREW MOORE als Pritschitsch und LILIANA NIKITEANU als Praškowia sowie ein zwölfköpfiges Tanzensemble und die Statist:innen des Statistenvereins am Opernhaus Zürich. Die Kostüme von GIANLUCA FALASCHI decken stilistisch eine grosse Bandbreite ab, in Erinnerung bleiben natürlich die großen Show-Kostüme, die ein wenig an „Follies“ erinnern sowie einige Achziger Jahre Abendroben-Reminiszenzen, an denen Joan Collins in „Dynasty“ wohl eine grosse Freude gehabt hätte. Die etwas unmotiviert herumstehenden Tänzerinnen in ihren Grosskostümen bei Petersens Vilja-Lied und später nochmals in Farbe bei den Grisetten sehen zwar schön aus, tragen aber nichts zum Geschehen bei – it’s just Glitter-Firlefanz. Bühnenbild und Licht stammen von KLAUS GRÜNBERG, lassen mittels der Vorhänge schnelle Szenenwechsel zu, schaffen eine eher kühle und distanzierte Atmosphäre. KIM DUDDYS Choreographien nutzen nie den vorhandenen Raum, sind eher konventionell, musicalmässig, fast ein wenig hausbacken und geschmäcklerisch. Hier habe ich mehr erwartet, hier war man offensichtlich nicht mutig genug, hier hätte ich mir etwas mehr Pep gewünscht. Aber genau dieser Pep, dieser Schmackes, kommt dann eben aus dem Graben, das ist ein wirklich wunderbar klingender Franz Lehár, den die Philharmonia Zürich unter der musikalischen Leitung von PATRICK HAHN hier zum Besten gibt. So differenziert, leicht und beschwingt und doch auch immer mit dieser leicht verspielten Walzermelancholie. Auch der Zürcher Opernchor ist an dieser Premiere in Bestform (Einstudierung: ERNST RAFFELSBERGER). Insgesamt gesehen, empfand ich diese Premierenvorstellung als sehr technisch im Ablauf, die grossen Gefühle, der Humor und der Witz in den Dialogen wollte nicht wirklich zünden, was wohl der Premierensituation geschuldet ist. Wenn das grosse und hervorragend besetzte Ensemble sich nach einigen Vorstellungen freigespielt hat, bekommt aber wohl auch diese Inszenierung Koskys genügend Kraft und Charme, um zu einem Publikumsrenner zu werden.
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
501: Cosi fan tutte – Oper Zürich 28.01.2024
500: Orphée aux Enfer – Opéra de Lausanne 31.12.2023
Platée – Oper Zürich 26.12.2023
Lili Elbe – Theater St. Gallen 04.12.2023
Götterdämmerung – Oper Zürich 09.11.2023
La Regenta – Matadero Madrid 25.10.2023
La Rondine – Oper Zürich 01.10.2023
Turandot – Oper Zürich Premiere 18.06.2023
Lessons in Love and Violence – Oper Zürich 11.06.2023
Intolleranza 1960 – Theater Basel 30.05.2023
Serse – Theater Winterthur 11.05.2023
Roméo et Juliette – Oper Zürich Premiere 10.04.2023
Nixon in China – Opéra National de Paris 01.04.2023
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