Einmal mehr hat sich der Weg ans Luzerner Theater gelohnt. Zu sehen gibt es derzeit eine wunderbare und sehr gelungene „La Bohème“ mit einem absolut sehens- und hörenswerten Ensemble. Ich bin begeistert und überschwänglich, wenn ich davon berichte – so soll es auch sein. Diese liebevolle Produktion hat mich sehr berührt…
In der Einführung erfahre ich, dass die Regisseurin die Handlung im Spanien zur Zeit der Wirtschaftskrise – also ungefähr 2008 – verortet. Ich frage mich wieso. Finde das jedoch interessant. Und bin sehr gespannt. Und dann erlebe ich eine wunderbare Vorstellung, die mich berührt und mitnimmt und das obwohl es sicherlich meine fünfzehnte Inszenierung dieses All-time-Opern-Klassikers ist. Und selbst zum Schluss, wo man doch schon zig mal Mimi im Kreise ihrer Freunde hat sterben sehen, macht es mich sehr betroffen und ich muss weinen. Ist das nicht schön? Ist das nicht schön, wenn Musik und Handlung derart einhergehen, dass man sich dem keinesfalls entziehen kann und eintaucht. Dabei schien es zu Beginn für mich eher unemotional. Im eher nüchternen Betonwohnblock (Bühne: AIDA-LEONOR GUARDIA) – wie man später mitbekommt, wohl einem Abbruchhaus, des Grossinvestors und Spekulanten Benoit (eine herrliche Karikatur von ANDREAS DAUM) – nimmt die Geschichte ihren Lauf. Mimi lebt auf dem Dach unter den Sternen, man vermutet, sie ist freiheitsliebend, eher nicht der Beziehungstyp und doch passiert es sofort und wird von beiden forciert: Rodolfo und Mimi werden ein Paar, glaubwürdig und wahrhaftig, zwei Menschen der Arbeiterklasse, zusammengeschweisst im harten Leben am Existenzminimum. Bohemien sind sie alle nicht – Colline, Schaunard und Marcello – sie machen keine Kunst, sie kämpfen ums überleben, sie streichen Fassaden, machen Musik, sie gehen zu Momus, definitiv kein schickes Café, eher ein illegaler Billig-Ramsch-Markt in der Tiefgarage. Die Geschichte wirkt echt, ungekünstelt, glaubwürdig und das ist auch die grosse Qualität dieser Produktion. Das schöne am Luzerner Haus ist, dass es sich immer anfühlt, als sei man – im Vergleich zu anderen „grossen“ Häusern – mittendrin. Anfangs akustisch immer wieder ungewohnt und überraschend, aber sehr schnell spürt man ihn, diesen Sog des Luzerner Hauses, es fühlt sich immer intim und oftmals fast schon kammermusikalisch an. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen grossartigen „Rosenkavalier“ im Frühjahr 2023. Die spanische Regisseurin LUCIA ASTIGARRAGA hat hervorragend mit ihrem wunderbaren Sänger:innen-Ensemble gearbeitet und man sieht liebevolle Details und sinnvolle Regie-Ideen, wie etwa, dass der Vermieter (und Baulöwe) Benoit, auch gleichzeitig Musettes Sugar-Daddy ist. Das war ein absolut stimmiger Aha-Effekt! Die Mimi von EYRŪN UNNARSDÓTTIR ist eine junge, lebenshungrige und starke Frau, man sieht ihr an, dass es das Leben nicht immer nur gut mit ihr meinte und doch gibt es einige wunderbar zarte Momente, in der eine Zerbrechlichkeit zu sehen ist, die sehr berührt, ihr kräftig strahlender Sopran klingt mühelos und unangestrengt. Mit MERŪNAS VITULSKIS hat sie einen ebenbürtigen Partner, musikalisch sind die beiden eine überaus geglückte Kombination, nicht nur bei ihrer Begegnung im ersten Akt, zuletzt, wenn Rodolfo Mimi ein letztes mal voller Zärtlichkeit in die Arme schliesst, ist das schon sehr bewegend und ein ganz grosser Moment. Vitulskis scheint schier endlosen Atem und Stimme zu besitzen, es fühlt und hört sich an, als singt er diese Partie selbst in den Höhen mühelos. Was für eine schöne Stimme! Und wie wunderbar zusammen mit den Kolleg:innen tönt das Quartett im 3. Akt. Auch Marcello ist mit VLADYSLAV TLUSHCH hervorragend besetzt, TANIA LORENZO CASTRO als Musetta ist einfach umwerfend, immer toll diese quirlige und so talentierte Sängerin zu sehen – Idealbesetzung für diese Rolle. Das hervorragende Ensemble ergänzen DANIEL HOLZHAUSER (Schaunard), DOMINIC BARBERI (Colline), DANIEL FOLTZ-MORRISON (Parpignol) und STEPHAN LIEB (Zöllner/Sergeant). Der Chor des Luzerner Theaters, der Extrachor sowie die Kantorei Luzern (Kinderchor) sind auf dem Punkt und voller Spielfreude (und ich finde ja vor allem Kinderchor immer eine heikle Sache…). Manchmal vielleicht etwas zu laut, aber ansonsten klingt es aus dem Graben, wie ich mir Puccini wünsche, mitreissend, etwas gut dosierten Pathos, sängerfreundlich – hervorragend einstudiert und betreut vom musikalischen Leiter JONATHAN BLOXHAM. Einmal mehr, bin ich begeistert zurück nach Zürich gefahren, glücklich und ja, ich kann sagen beseelt von dieser wunderbaren Vorstellung. Auf nach Luzern bzw. kommendes Wochenende nach St. Gallen, zu einer etwas anderen „Bohème“ – RENT.
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
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504: Amerika – Oper Zürich 09.03.2024
503: Ernani – Theater St. Gallen 03.03.2024
502: Die lustige Witwe – Oper Zürich Premiere 11.02.2024
501: Cosi fan tutte – Oper Zürich 28.01.2024
500: Orphée aux Enfer – Opéra de Lausanne 31.12.2023
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Lili Elbe – Theater St. Gallen 04.12.2023
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