Ball im Savoy – Staatstheater Nürnberg 27.01.2019

Ein Operetten-Highlight gibt es derzeit am Staatstheater Nürnberg zu entdecken. Mit dem Trio „Geschwister Pfister“ im Cast und einem für das Genre typischen Cross-Dressing-Konzept hat Regisseur STEFAN HUBER hier einen herrlich erfrischenden Abend geschaffen. Die 1932 in Berlin (mit dem Komponisten selbst am Pult) uraufgeführte Operette „Ball im Savoy“ strotzt nur so vor bissigen Texten (von Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald) und herrlich jazziger Musik, die rauschende orgiastisch-dekadente Zeit kurz vor der Machtübernahme der Nazis ist spürbar…

Der Komponist Paul Abraham hatte die damalige politische Situation in Deutschland wohl komplett falsch eingeschätzt und so kann dieses Werk erst heute (zu Recht) seinen verspäteten Siegeszug antreten, damals wurde es bereits kurz nach der gefeierten Uraufführung abgesetzt und Abraham musste Deutschland verlassen. Im wandelbaren Art-Deco-Bühnenbild (samt Lampen im Bauhaus-Stil) von OKARINA PETER und TIMO DENTLER gibt es knapp 3 Stunden temporeiches und höchst amüsantes, aber nie plattes Operetten-Musiktheater zu erleben. Der Orchestergraben als exotischer Garten, die obligatorische Showtreppe quasi von unten nach oben – eine schöne Idee, das Orchester unter dem musikalischen Leiter VOLKER HIEMEYER spielt auf der Hinterbühne und wird erst zur Ballszene sichtbar. Insgesamt passt sich die Ausstattung toll in das Jugendstil-Portal des Nürnberger Opernhauses ein. Der spielfreudige Chor und ein komödiantisches und treffend besetztes Ensemble sorgen für gute Stimmung, das Publikum ist von Anbeginn hellauf begeistert. ANDREJA SCHNEIDER als gemütlich dicker und politisch herrlich inkorrekter türkischer Diplomat Mustapha Bei ist zum Schreien komisch, aber es sind die originellen Kleinigkeiten und Ideen (wie zum Beispiel das Einstecktuch als Gebetsteppich etc.), nicht der platte Klamauk, die diesen Abend ausmachen. Und „Travestie-Rampensau“ CHRISTOPH MARTI als Komponistin Daisy Parker nimmt sich in dieser Inszenierung wohltuend zurück, wenngleich er den Auftrittsapplaus unzähliger Fans im Publikum verdienterweise geniesst (und dies auch zeigt) und die Bühne rockt wie eh und je. In den Rollen des Marquis Aristide de Faublas und seiner Gattin Madeleine – beide wunderbar charmant und herrlich operettig tönend – brillieren FREDERIKE HAAS und TOBIAS BONN. Das die drei Pfisters eher durch ihr komödiantisches Talent und ihr treffsicheres Timing überzeugen, als durch musikalisch perfekte Gesangsqualitäten, ist nicht weiter tragisch, das machen sie durch ihre Präsenz in jeder Hinsicht wieder wett. Tobias Bonn und Christoph Marti konnten in diesem Genre – vor allem in den letzten Jahren – viel Erfahrung sammeln (zuletzt in der ebenfalls von Stefan Huber inszenierten „Fledermaus“ in Winterthur) – das ist deutlich zu spüren. Auch in den kleineren Chargen wie der Tangolita von ANDROMAHI RAPTIS oder den beiden Rollen von CEM LUKAS YEGINER (Madame Albert/Celestin Formant) gibt es Wunderbares zu entdecken. Die wie immer stilistisch treffsicheren Kostüme von HEIKE SEIDLER und die spritzig-flotten Choreographien von DANNY COSTELLO tragen erheblich zur Stimmigkeit der Produktion bei. Neben all diesen in der Handlung verorteten Täuschungen, Verwicklungen, Heiratsanträgen und unterschwelliger Erotik ist das Stück aber auch ein Bekenntnis zur Gleichberechtigung – was ein Mann kann und darf, ist auch den Frauen möglich. Und zwar erst recht! Und so verkündet Madeleine am Schluss voller Genugtuung öffentlich beim „Ball im Savoy“, dass sie ihren Mann betrogen hat und startet ihren persönlichen Siegeszug – Revanche! Herrlich unterhalten verlässt man nach knapp 3 Stunden das Theater, die Ohrwürmer „Toujour l’amour“, „Es ist so schön am Abend bummeln zu geh’n“ oder der „Känguruh-Fox“ hallen im Kopf aber noch lange nach…

Von Nürnbergs „goldener Operetten-Ära“ wird noch heute viel geredet, dabei ist das nun wirklich lange her. Seitdem gab es vereinzelte Erfolge wie den witzig-frechen Offenbach’schen „Orpheus in der Unterwelt“ von 1991 (Gleede/Windfuhr), aber im Grossen und Ganzen dümpelt dieses Genre – wie an vielen anderen Häusern – leider mehr oder weniger lieblos und unbeachtet dahin oder es finden sich immer die gleichen Stücke im Spielplan („Lustige Witwe“, „Land es Lächelns“, „Gräfin Mariza“ etc.). Nun hat man in der Frankenmetropole mit „Ball im Savoy“  wohl erneut einen Publikumsrenner im Repertoire…

„Ball im Savoy“ von Paul Abraham (1892 – 1960)

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