Buch-Klassiker des 19. Jahrhunderts #3 – „Oliver Twist“ von Charles Dickens.

Nachdem vor 2 Jahren eine tolle Neuübersetzung (von Melanie Walz) von „Grosse Erwartungen“ von Charles Dickens erschien und ich sehr begeistert war, nun also ein weiterer Klassiker dieses grossartigen Autors: „Oliver Twist“ – allerdings in einer sehr alten, antiquarischen Übersetzung von Julius Seybt (erschienen ca. 1860)…
Das Lesen einer derart alten Fassung (aus dem Reclam-Verlag) hat den Vorteil, dass man sich sehr viel besser in Zeit und Entstehung versetzen kann, es liest sich allerdings nicht so flüssig wie eine neuere Übersetzung, z.B. von Christine Hoeppner im Aufbau Verlag, die fast schon filmisch angelegt ist. „Oliver Twist “ ist Dickens zweiter Roman und erschien 1837 – 1839 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Bentley’s Miscellany“. 

Als Findelkind im Armenhaus einer englischen Kleinstadt aufgewachsen, flüchtet sich der junge Oliver Twist aus den Fängen seines brutalen Lehrherrn nach London. Doch im Moloch der Großstadt gerät er bald an den skrupellosen Hehler Fagin, der ein seltsames Interesse daran zu haben scheint, Oliver in die Welt des Verbrechens hineinzuziehen … Wegen seiner präzisen Milieuschilderungen und seines entwaffnenden Sinns für skurrile Komik zählt „Oliver Twist“ bis heute zu den bedeutendsten und beliebtesten Romanen der englischsprachigen Literatur. (Anaconda-Verlag)

Was beim Lesen doch sehr irritiert, ist der durchgehend stark antisemitische Tonfall und die teilweise unerträglich zu lesenden Beschreibungen des Juden Fagin, der die Jungen zu den Diebstählen anstiftet.

Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, der jünger war, aber nicht weniger abstossend und spitzbübisch aussah.

(Fünfzehntes Kapitel)

Offenbar hat Dickens das dann aber in späteren Ausgaben entschärft und viele Hinweise auf das Judentum gestrichen. In der von mir gelesenen Ausgabe bedient sich Dickens jedoch sämtlicher antisemitischer Stereotypen und bezeichnet durchgehend die Figur Fagin immer nur als den „Juden“ – ich habe das als extrem störend und verstörend empfunden, ja fast schon unerträglich empfunden.

Die Geschichte ist grossenteils sehr ausladend erzählt und hat viele Nebenstränge, die teilweise etwas überbordend sind, insgesamt bleiben sämtliche Figuren sehr klischeehaft, vor allem die Hauptperson des Oliver Twist – eine derartig makellose und reine Schilderung des Jungen ist absolut unglaubwürdig und beinahe lächerlich absurd. Dennoch hat es einige zusätzliche interessante Konstellationen in dieser Geschichte wie zum Beispiel die (Nicht-)Liebesgeschichte der Armenhausvorsteherin Mme Corney und des Kirchspieldieners Bumble. Die meisten Ereignisse in dieser Geschichte sind vorhersehbar und daher wenig spannend oder überraschend, vor allem zum Ende zieht sich der Verlauf ziemlich in die Länge und man neigt dazu quer zu lesen…

Neben dem Musical „Oliver!“ von Lionel Bart gibt es unzählige Verfilmungen und Adaptionen des Stoffes, zuletzt u.a. unter der Regie von Roman Polanski mit Sir Ben Kingsley als Fagin.

„Oliver Twist“ von Charles Dickens (1812-1870)

BUCH-KLASSIKER DES 19. JAHRHUNDERTS:

#1 – „Sturmhöhe“ von Emily Brontë (wiedergelesen im Juli 2018)

#2 – „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert (wiedergelesen im Oktober 2018)

 

 

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