Robert Menasse – Die Hauptstadt

Zunächst hat mich dieses Buch überhaupt nicht interessiert, wenngleich ich mich erinnere, schon einmal einen nachhaltigen Roman von Robert Menasse („Schubumkehr“) gelesen zu haben. Schon ein paar Jahre her. Nun hat aber Adolf Muschg neulich im Kaufleuten bei der Veranstaltung  ZÜRI LITTÉRAIRE dermassen von diesem Buch geschwärmt, dass ich mich dem offensichtlich nicht entziehen konnte….. – Gott sei Dank! Ein sehr interessanter Roman, ein spannender und humorvoller Einblick in die Machenschaften und Abläufe des EU-Hauptsitzes in Brüssel….In vielen kleinen und großen Momentaufnahmen zeichnet Menasse ein Bild der EU, an dem die EU-Befürworter, aber auch die EU-Gegner ihre Freude haben. Da ist zum Beispiel die Geschichte des österreichischen Professors Alois Erhart, der zu einem Think-Tank in Brüssel berufen wird um ein Papier zu entwickeln und er weiss schon im Vorfeld, dass die Empfehlung an den Kommissionspräsidenten lauten wird: „Wir brauchen mehr Wachstum“. Letztendlich macht er aber auch in seiner abschliessenden Speech einen ungewöhnlichen Vorschlag, der alle zunächst einmal sprachlos hinterlässt. So gewaltig ist sein Vorschlag. Oder die griechische Karrierefrau Fenia Xenopoulou, die unbedingt Mittel und Wege sucht, das (ihrer Meinung nach unbedeutende) Kulturressort zu verlassen, denn als Mitglied dieses Ressorts wird man von den anderen nur belächelt und nicht ernst genommen. Sie will nach aber oben. In einem wichtigen Ressort. Und so passieren viele Dinge, traurige, heitere, nachdenkliche und ergeben ein interessantes Bild, was in Brüssel so passiert…. – das liest sich leicht, interessant und sehr unterhaltsam. Es ist ein Roman, es ist eine Karikatur der EU, aber auch eine offensichtliche Momentaufnahme mit der Fragestellung, wie es wohl weitergehen kann. Und es ist ein Krimi. Und eine Geschichte über Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocausts. Und es ist die Geschichte eines Schweins, das durch Brüssel rennt und nicht gefangen werden kann… – der Wissenschaftler Professor Kurt van der Koot erhält sogar hierfür für eine begrenzte Zeit eine eigene Kolumne in der Metro-Zeitung und startet die Aktion „Brüssel hat Schwein“…

„Brüssel hat Schwein! Wie soll es heissen?“ Namensvorschläge an die Redaktion. Drei Wochen bis Einsendeschluss. Die Zeit bis dahin überbrückte Professor van der Koot mit der Serie „Das Schwein als universelle Metapher“: In täglich neuen Folgen zeigte er die Bandbreite von Gut und Böse, von Glück und Verhängnis, von sentimentaler Liebe, Verachtung und tiefem Hass, für Erotik und Gemeinheit, für die das Schwein als Sinnbild herhalten musste, es war das einzige Tier, das als Metapher die ganze Breite menschlicher Empfindungen und ideologischer Weltbilder abdeckte, vom Glücksschwein  bis zur Drecksau, von „Schwein haben“ bis „ein Schwein sein“, er wagte sich sogar in politische Gefilde vor und räsonierte über die Begriffe „Judensau“ und „Nazischwein“, dann wieder über das verbotene Schwein in den Religionen…. (Auszug aus dem Roman)

Ein Buch mit vielen Metaphern für den aktuellen Zustand der EU.  Robert Menasse selbst hat einst die EU als „die coolste aller Höllen auf Erden“ bezeichnet. Die Meinungen über diesen Roman sind wohl geteilt. Mir persönlich gefällt er sehr gut. Menasse ist ein toller einfallsreicher Erzähler. Ich bin Europäer und in diesem Buch sind für mich nicht nur die Absurditäten der EU erzählt, sondern auch die vielen verbindenden Dinge. Und das ist wichtiger denn je.

Für diesen Roman wurde Robert Menasse zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Robert Menasse – „Die Hauptstadt“, Suhrkamp Verlag (2017).

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