Es ist die letzte Vorstellung der Saison, bevor das Theater Winterthur für ein Jahr aufgrund Renovierungsarbeiten schliesst und die kommende Saison auf diverse Ausweich-Spielstätten verteilt. Einmal mehr gibt es ein sehenswertes Gastspiel: Das Berliner Ensemble zeigt Thomas Bernhards Stück von 1984 „Der Theatermacher“ in der Regie von OLIVER REESE mit der grossartigen STEFANIE REINSPERGER als Theatermacher Bruscon…
Es ist 34 Jahre her, seit ich diesen wunderbaren Text zum ersten mal auf einer Bühne gesehen habe (damals am Schauspielhaus Nürnberg in der Regie von Hansjörg Utzerath) und er ist gut gealtert, immer noch spielbar, aktuell, zeitgemäss und einmal mehr wird mir klar, warum Thomas Bernhard für seine Stücke in Österreich so angefeindet wurde. Bernhard zeigt ihn klar und deutlich, diesen alten und immer noch vorhandenen Mief in den Städten, aber vor allem am Land, in der Provinz, dieses ewig Gestrige, dieses Land, mit seinem all die Jahre überdauerten Faschismus. Es ist aber auch ein sehr aktuelles Stück über das noch häufig vorherrschende Machtvakuum im Theaterbetrieb, über cholerische Theatermacher, Intendanten, Impressarios, über die zwar abnehmende, aber doch noch stark vorhandene Dominanz der Männer in dieser Blase. Das wunderbare an dieser Inszenierung ist, dass eine Frau einen Mann spielt, der fortwährend über Frauen spricht und wie schädlich sie für das Theater sind. Und so denke ich mir, dass es heute gar nicht mehr möglich wäre, diese Textpassagen von einem Mann sprechen zu lassen, das wäre unerträglich und nicht auszuhalten. So aber erleben wir eine heftig polternde Stefanie Reinsperger mit österreichischem Schmäh und ganz leicht dialektischen Färbung in dieser klugen Besetzung – cholerisch, jammernd, hypertonisch und in der stickigen Schwüle des feuchten Theatersaals vor dem aufkommenden Gewitter deklamierend. Sie wettert und schimpft und flucht und bittet anschliessend auf Knien weinerlich um Verzeihung, nur um im nächsten Satz wieder auf die grossen Defizite sämtlicher Personen hinzuweisen. Denn niemand ist ihm gleich, kann es ihm recht machen – dem grossen Staatsschauspieler Bruscon, der sich in diesem miesen Provinzdorf Utzbach – es kommt ihm kaum über die Lippen – auf dieser Tournee wiederfindet, wo es nach Schweinekoben riecht und der Theatersaal eher einer grossen Abstellkammer gleicht, wo sich neben allerlei Gerümpel eben auch noch ein Hitler-Porträt finden lässt.

„Der Theatermacher“ ist ein gut 2.5 Stunden dauernder Monolog, hier kann sich ein/e Schauspieler:in austoben, facettenreich die komplette Bandbreite an Emotionen ausspielen, sich bis zur Erschöpfung hineinwerfen in diese unglaubliche Rolle eines Theater-Diktators, eines polternden Monsters, wie Reese den Bruscon auf die Bühne bringt. Reinsperger/Bruscon ist der Mittelpunkt, der Dreh- und Angelpunkt, die Kolleg:innen sind Stichwortgeber und Chargen und doch gibt es unglaublich viele Momente, in denen das nicht gesprochene Wort so omnipräsent auf der Bühne zu spüren ist, es sind die vielen wortlosen Momente, Gesten und Mimiken von ADRIAN GRÜNEWALD (als Ferruccio, der Sohn), DANA HERFURTH (Sarah, die Tochter) und allen voran des grandios stoischen Wirts von WOLFGANG MICHAEL. Und das Stück zeigt auch, dass selbst ein Hustenanfall grosse Kunst sein kann (Frau Bruscon: CHRISTINE SCHÖNFELD). Die Ausstattung von HANSJÖRG HARTUNG hat hierfür einen stark perspektivisch verlaufenden Saal gebaut, mehr Rumpelkammer als Theaterraum, jedoch mit vorhandener Rampe und grandiosem finalen Regen, der die Vorstellung von Bruscons grossem Welttheater letztendlich zum Fiasko werden lässt. Dazu aus dem Graben tolle Live-Musik mit immer wieder gesampelten Mozart-Sequenzen von VALENTIN BUTT, PEER NEUMANN und NATALIE PLÖGER. Bernhards „Theatermacher“ ist immer noch ein grossartiges Stück über Macht und Kunst-Terrorismus. Super!
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