Sofi Oksanen – Fegefeuer.

„Fegefeuer“ der dritte Roman der estnisch-finnischen Autorin Sofi Oksanen basiert auf einem Theaterstück, welches 2007 in Helsinki uraufgeführt wurde und schildert eine sehr leidvolle Geschichte zweier Frauen, zeigt aber grundsätzlich auch in verschiedenen Zeitebenen die schwierige Verbindung Estlands mit Russland bzw. der ehemaligen Sowjetrepubliken…

Da wir diesen Sommer 2018 für 3 Wochen durch das Baltikum gereist sind, war ich auf der Suche nach entsprechender Literatur. Schon lange wollte ich etwas von Sofi Oksanen lesen, nun hat es sich mit „Fegefeuer“ ergeben, ein interessant konstruierter Roman – allerdings nichts, was man mal schnell so zwischendurch bei einer Rundreise lesen kann und so hat es ich doch etwas länger hingezogen, dieses Buch zu beenden. Oksanen sagt von sich selbst, dass sie stilistisch autobiographisches Material mit Erfundenem kombiniert.

Wer Äußerstes erlebt hat, ist auch Äußerstes zu tun im Stande – das zeigt dieser vielfach ausgezeichnete und hoch spannende Roman über zwei Frauen, die sich wie zufällig begegnen und die doch eine gemeinsame Geschichte verbindet.

Als Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, ein Bündel in ihrem Garten findet, das sich als junge Frau entpuppt, schluckt sie ihre Skepsis und Menschenverachtung herunter und nimmt Zara in ihr Haus auf. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie mit brutalster Gewalt zu Willfährigkeit gezwungen haben und ihr schon dicht auf den Fersen sind. Doch Zara sucht keineswegs so zufällig Unterschlupf bei Aliide, wie diese glaubt: Aliide könnte die Schwester ihrer Großmutter sein.

Während Zara noch Beweise für die Verwandtschaft sucht und nach einer Möglichkeit, Estland zu verlassen, fühlt sich Aliide von der jungen Frau bedroht: Zu oft musste sie Leib und Seele, Hab und Gut vor Eindringlingen schützen. In Rückblenden entsteht das immer schärfer werdende Bild einer Familientragödie, die fast fünfzig Jahre zuvor, als Estland von den Russen besetzt wurde, ihren Höhepunkt fand. Rivalität und Eifersucht, Scham, Schutzbedürftigkeit und vor allem Angst vor der Brutalität der Männer gegenüber den Frauen – das sind die Motive, die Aliide zu unvorstellbaren Entscheidungen zwangen.
(Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Der Handlungsbogen bei „Fegefeuer“ reicht von 1936 bis zum Zusammenbruch der kommunistischen Regierungen in Osteuropa und verwebt collagenartig verschiedene Handlungsstränge und Zeitebenen miteinander. Das braucht zu Beginn etwas Gewöhnung, da man relativ häufig hin- und her switcht – lässt man sich jedoch darauf ein, so entsteht nach und nach ein Gesamtbild und die Verknüpfungen werden immer deutlicher erkennbar. Die beiden Hauptfiguren Aliide und Zara haben viel Leid erfahren, Aliide während der Besatzungszeit und im Strudel ihrer unerwiderten Gefühle, Zara als zur Prostition gezwungenes und im Milieu erniedrigtes Sex-Objekt. Das ist manchmal etwas harter Tobak und in beiden Ebenen bis ins teilweise Kleinteilige erzählt, das bleibt haften und man beginnt zu verstehen, welche Traumata die beiden Frauen unbearbeitet mit sich herumtragen. Beide Charaktere sind interessant (vor allem die obsessive Liebe Aliides), wenn auch nicht unbedingt sympathisch. Das macht es manchmal etwas schwierig für den Leser, aber mit fortschreitender Seitenzahl nimmt man immer mehr Anteil am Schicksal der Protagonistinnen und erwartet gespannt den Ausgang der Geschichte(n).

2012 wurde eine auf den Roman basierende Oper des Komponisten Jüri Reinvere an der Finnischen Nationaloper Helsinki uraufgeführt. Mittlerweile wurde das Buch auch von Regisseur Antti Jokinen mit Laura Birn in der Hauptrolle verfilmt („Puhdistus“ 2012).

„Fegefeuer“ von Sofi Oksanen, Kiepenheuer & Witsch, 2010.

 

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