Mass für Mass – Schauspielhaus Zürich 13.4.2018

Machtmissbrauch auf höchster politischer Ebene – Die Saison neigt sich (gefühlt) langsam dem Ende entgegen und als eine der letzten Premieren im Schauspielhaus kommt noch dieser herrliche Shakespeare-Abend daher: „Mass für Mass“ in einer amüsanten, zeitgemässen und äusserst kurzweiligen Fassung von Jan Bosse und Gabriele Bußacker im Zürcher Pfauen…

Dabei ist „Mass für Mass“ eigentlich keine Komödie, sondern gehört zu Shakespeares „Problemstücken“. Strippenzieher der Handlung ist bereits zu Beginn ein etwas abgehalfterter – in altem Glamour sich sonnender – rauchender Herzog Vincentio (Hans Kremer, wunderbar und auf seine spezielle Art und Weise divenhaft), der uns filmisch vom Bühnenbildmodell ins Innere des Handlungs-Labyrinths und der Ver(w)irrungen zoomt und somit an seinem Vorhaben teilhaben lässt. Den ganzen Abend ist er immer wieder einmal verkleidet als Mönch präsent, kommentiert, nimmt teil und überprüft, was mit der an seinen Stellvertreter Angelo (wieder einmal herrlich und äusserst amüsant in seinem manieriertem Gehabe: Daniel Sträßer) übertragenen Macht passieren wird. Und er hat offensichtlich grosse und diebische Freude am forciertem Machtmissbrauch. Das ist auch die grosse Frage des Abends: Wie geht man mit Gesetzen und Freiheiten um – vor allem, wenn man selbst davon betroffen ist? Alles Auslegungssache. Wie im richtigen Leben. Das Konzept von Jan Bosse ist derart aktuell und erschreckend passend zum Zeitgeschehen in unserer Welt, die Charaktere sind überspitzt und karikiert, wirken aber sehr real (Donald Trump wirkt ja auch manchmal wie seine eigene Karikatur). Die Textfassung ist herrlich komisch und mit grossartigen, teilweise absurden Wortspielereien durchsetzt – von geistreich bis RTL-Humor, auch das passt und spiegelt unseren Alltag, unsere Welt. Was bleibt, ist die wenig überraschende Erkenntnis, das mit einem Wechsel an der Spitze eines Landes (oder Unternehmens oder Clans……) sich in der Regel wenig ändert, alte Strukturen brechen nur schwer auf, hat man erst einmal von der Macht gekostet – will man mehr und der eigene Moralkodex verändert sich. Hierfür hat Moritz Müller eine verwinkelte Drehbühne konstruiert und Kathrin Plath ein grossartiges Kostümbild entworfen, es hat etwas apokalyptisch endzeitiges in der Wahrnehmung und bietet alles was es braucht: Einblicke, Ausblicke, Verzerrungen, Spiegelungen auf der Spielfläche und jedwede Interpretationsmöglichkeit bei den fantasievollen Kostümen (wunderbar das Nonnenkostüm von Isabella – züchtig, keusch, verhüllend und doch aus aufreizender, feingearbeiteter, zweideutiger, vielversprechender weisser Spitze). Lena Schwarz (Isabella) ist einmal mehr in ihrer wandelbaren Bandbreite zu sehen: von der opferbereiten, hingebungsvollen Nonne bis hin zur Schwester, die dann doch egoistisch den Tod des Bruders als Sühne toleriert (hat er es sich doch selbst zuzuschreiben!). Tolle Besetzung auch in allen weiteren Rollen: Benito Bause (als samtweicher, fliederfarbener Claudio), Milan Zerzawy als Pompey/Bernardino, Lisa-Katrina Mayer als Madame Overdone/Mariana und Klaus Brömmelmeier als Elbow und Kerkermeister an den schlussendlich die Macht am Ende des Stückes konsequenterweise übergeben wird. Es wird hingerichtet statt geheiratet. Auch eine Art der Regulierung. Bis auf eine kleine, kurze, durchhängende Durststrecke in der zweiten Hälfte ist diese Produktion äusserst gelungen, temporeich und sehenswert und mit all seiner Verkleidung (in vielerlei Hinsicht) und seinen kleinen humoristischen Details durchaus „shakespearesk“. Ich fand es super.

By the way – fast vergessen: ziemlich coole Sounds und mit Purcell-Anleihen durchsetztem Klanggewaber von Arno Kraehahn.

„Mass für Mass“ von William Shakespeare (1564-1616)

 

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