Arcimboldis Column #10: Wer ist der legitime Nachfolger von Carlos Kleiber?

Heute Nachmittag bei der Lektüre von Haruki Murakamis neuen Roman „Die Ermordung des Commendatore“ ist mir Carlos Kleiber in den Sinn gekommen bzw. die Frage, wer denn eigentlich sein legitimer Nachfolger ist oder es gerne wäre? Ich habe lange keine Einspielung mehr von ihm gehört, kann mich aber noch sehr gut an den Kult um ihn erinnern. Live habe ich ihn nie erlebt, aber ich kenne natürlich viele seiner berühmten Einspielungen und auch die Geschichten und Anekdoten, die immer kursierten und den entsprechend hausgemachten Hype um die Tickets, wenn er sich dann mal wieder alle Schaltjahre (häufig aus finanziellen Gründen, munkelte man) überzeugen hat lassen, irgendwo einen „Rosenkavalier“ zu dirigieren. Obwohl erkrankt, kam 2004 der Tod von Kleiber im Alter von 74 Jahren sehr überraschend und hat eine wohl schwer zu schliessende Lücke hinterlassen. 2011 gab es eine Befragung der BBC, bei der er unter den 100 bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart als grösster Dirigent aller Zeit gekürt wurde – das sagt schon alles. 1964-1966 war er hier in Zürich als Kapellmeister engagiert, danach in Stuttgart in gleicher Position – allerdings hat er danach nie wieder ein festes Engagement angetreten, dafür aber viele Produktionen weltweit als musikalischer Leiter und Dirigent geleitet (u.a. den Everding-Tristan 1974-1976 in Bayreuth). Für mich wird Carlos Kleiber musikalisch immer mit dem Rosenkavalier und einer herrlichen Aufnahme verbunden bleiben (Brigitte Fassbaender, Lucia Pop, Karl Ridderbusch, Bayrischer Staatsopernchor & Staatsorchester). Neben der Einspielung unter Sir Georg Solti war dies für mich in meiner Jugend musikalisch prägend und mein Heiligtum…

Wir sind Zeugen seines Ruhms gewesen, seiner beängstigenden Besonderheit, vor allem aber seiner lodernden Kunst.“ (Joachim Kaiser)

Nun aber zurück zur Frage, wer denn der legitime Nachfolger von Carlos Kleiber ist, wird oder es gerade sein könnte? Da Kleiber ja als sehr exzentrisch galt, könnte man natürlich als erstes auf Teodor Currentzis kommen, den ich hochinteressant finde, der  aber für mich stilistisch ein anderes Konzept verfolgt. Ebenfalls Kultstatus geniesst mittlerweile  Kirill Petrenko (zu Recht, nach dem fulminanten Castorf-Ring in Bayreuth). Was wäre Bedingung für die Kleiber-Nachfolge? Festgelegt auf ein Genre, auf bestimmte Werke? Exzentrik? Immer mehr zurückgezogen? Im Schatten des grossen Vaters (Erich Kleiber)? Ein Mann? Eine Frau (in diesem Beruf leider immer noch stark unterrepräsentiert)? Sicherlich gibt es viele Dirigenten, die sich in seiner direkten Nachfolge sehen, sich aber wohl etwas überwerten? Oder ist Carlos Kleiber in Vergessenheit geraten? Je mehr ich über diese Fragen nachdenke, umso uninteressanter wird diese Frage für mich. Kleiber war Kleiber. Ich hatte nie das Glück, ihn live erleben zu dürfen, liebe seine Einspielungen und den Mythos. Fazit: Uninteressante Fragestellung. Keine Antwort möglich. Oder? Hat jemand eine Antwort parat?…

Carlos Kleiber (1930-2004)

Sehr zu empfehlen von Carlos Kleiber: sämtliche Einspielungen (aber vor allem „Tristan und Isolde“/Richard Wagner und natürlich „Der Rosenkavalier“/Richard Strauss)!

 

 

 

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