König Lear – Schauspielhaus Zürich 17.11.2024

Wow – was für eine tolle Produktion ist dieser neue „König Lear“ von Regisseurin ANNE LENK am Schauspielhaus Zürich! Und wie glücklich bin ich, kann man endlich wieder in den Pfauen, um dort – wo denn auch sonst – grossartige Schauspieler:innen zu sehen. Aufgrund einer Verletzung musste zwar die Vorstellung vom 17. November nach der Pause abgebrochen werden, jedoch tut dies dem Glücksgefühl keinen Abbruch und ich habe die Möglichkeit, diese tolle Inszenierung nochmals zu sehen. Woohoo!

Und der erste Teil bis zur Pause? Es geht natürlich – einmal mehr – um die Ablösung der Männerriege, um die Übergabe an die nächste (weibliche) Generation. Lear ist ein alter weisser Mann, aber auch nach der Machtübergabe an seine beiden Töchter ändert sich nicht allzu viel, denn es geht immer um Macht, die jeder missbraucht, der sie dann eben hat, unabhängig von Alter und Geschlecht. Die Übersetzung und Neubearbeitung von THOMAS MELLE ist zeitgemäss, sehr unterhaltsam, witzig, politisch und dennoch immer noch so Shakespeare! Wunderbar. Also bis zum Abbruch der Vorstellung absolut sehenswert, wir sind nun gespannt auf die Fortsetzung in naher Zukunft und hoffen, dass es Nancy Mensah-Offei bald besser geht. Was für eine hervorragende Besetzung: RAINER BOCK ist ein launiger Lear, nach seiner Abdankung kann man fast zusehen, wie er immer mehr das Staatsmännische verliert und zu einem etwas trotteligen Rentner im grauen Strickpullover mutiert, während seine Töchter NANCY MENSAH-OFFEI (Goneril), LEA SOPHIE SALFELD (Regan) und SASHA MELROCH (Cordelia) insgesamt eher zurückhaltend angelegt sind. Absolut wunderbar und mein persönliches Highlight (neben Steven Sowah und Lena Schwarz) ist der/die Gloucester von KARIN PFAMMATER – grossartig! Und LENA SCHWARZ überrascht mich mit ihrem absolut komödiantischen Talent als Narr, so erfrischend und amüsant habe ich sie noch nie auf der Bühne gesehen. STEVEN SOWAH als intriganter Edmund ist omnipräsent und facettenreich, jede seiner Szenen ist ein Highlight, jedes Wort, jede Bewegung sitzt. Diese Inszenierung ist klug, hat sehr viel Sprachwitz, ist alles andere als subtil oder gar philosophisch, wie man das bei einem „Lear“ erwarten würde, diese Produktion ist heutig laut und polternd, es wird „gefickt“, es gibt „Bro’s“ und „Boomers“, es gibt kein Volk und keine Armee, es gibt die Follower und Lear wäre nichts ohne „sein Internet“, das wirkt aber weder überspannt, noch zwanghaft oder aufgesetzt modern, das ist glaubhaft, aus dem Leben gegriffen und witzig. Die Ausstattung ist ein Hingucker (Bühnenbild: JUDITH OSWALD), vor allem die Kostüme von SYBILLE WALLUM sind toll! Die Musik von POLINA LAPKOVSKAJA (POLLYESTER) ist ganz nett, plätschert aber ein wenig dünn dahin, kann sich so gar nicht entscheiden, was sie denn nun sein soll, Soundcollage, Atmosphäre oder doch musikalisches Statement (wohl eher nicht!)? Köstlich ist jedoch Edgar (JOHANN JÜRGENS) mit David Bowies „Major Tom“ – Nummer. Die Pause dauert unerwartet lange, man spürt, das irgendetwas nicht in Ordnung ist und so gibt es nach der Pause eine kurze Ansage und den Vorstellungsabbruch. Schade, hat man sich doch so eingelebt in dieser bunten Welt und wüsste gerne den weiteren Fortgang.

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