Fast 30 Jahre nach der Uraufführung ist das Musical „Rent“ von JONATHAN LARSON am Theater St. Gallen zu sehen. Erzählt wird das Leben einer Gruppe junger Künstler:innen auf der Suche nach Liebe und Akzeptanz, der Hoffnung auf Erfolg und ihren Kampf gegen HIV, zu einer Zeit, in der diese Diagnose noch den Tod bedeutete. „Rent“ basiert auf Puccinis „La Bohème“ und somit ist der Besuch dieser St. Galler Musical-Produktion für mich ein schlüssiges Ende der Woche, nach der grossartigen „La Bohème„-Vorstellung ein paar Tage vorher am Luzerner Theater…
Die Show lief 1996 – 2008 ununterbrochen am Broadway und kam dort auf über 5100 Vorstellungen, erhielt 1996 einen Pulitzerpreis (Drama) und Tony Awards in den Kategorien Best Musical, Best Book, Best Score, es gab auch einige wenige deutschsprachige Produktionen. Man fragt sich natürlich, ob dieser Stoff heute noch die Aktualität und Brisanz besitzt und es überhaupt noch Sinn macht diese Show zu spielen, in einer Zeit, wo mit entsprechender Medikation und PreP die tödliche Gefahr des HIV-Virus vorüber ist und das Thema AIDS grossenteils aus den Medien verschwunden ist – aber vielleicht ist es gerade deswegen wichtig. Zudem hat uns die Corona-Pandemie gezeigt, wie emotional eine Gesellschaft auf ein neues Virus und seine Folgen reagiert. Ein weiteres Thema bei „Rent“ ist die damals bereits einsetzende Gentrifizierung der Städte – heute aktueller denn je. Die St. Galler Produktion orientiert sich optisch sehr an der Broadway-Produktion, das liegt wohl auch daran, dass die Handlung zeitlich konkret verortet ist und auch nur so Sinn macht. Die Bühne von PAUL WILLS zeigt ein besetztes Haus, eine chaotische (ahhh, Künstler!) Künstlerwohnung und natürlich das Treppenhaus, in dem – analog zu Puccini – die erste Begegnung zwischen Mimi und Roger stattfindet, natürlich mit der immer wieder erlöschenden Kerze, hier beim Song „Light my candle“ und später beim Finale fühlt man sich Puccinis Oper am nächsten. Es gibt viele reale Orte, Zitate und Bezugnahmen auf die damalige Zeit in New York und Regisseur MATTHEW WILD erinnert uns in diversen Videosequenzen (Videos: RETO MÜLLER) daran, dass Polizeitgewalt (wie damals in N.Y.) auch hier und überall stattfindet und das Stück quasi universell zu sehen ist. Daneben sehen wir weitere Filmsequenzen mit den Folgen der Krankheit, wie etwa einzelne Personen des Stückes mit Kaposi-Sarkomen am Körper. Das Buch, die Musik und die englischen Songtexte stammen von JONATHAN LARSON, der tragischerweise am Tag der Uraufführung an einem Aortenaneurysma starb. Ich kannte bisher nur die Musik, habe das Stück nie auf der Bühne gesehen. Mich erinnert die Paarung Mimi/Roger doch sehr an Scaramouche/Galileo und zusammen mit dem Rent – Ensemble natürlich sehr an die Bohèmiens aus „We will rock you“, aber das ist mein ganz persönlicher Job-Flashback – fühlt sich an, als hätte Ben Elton hier geklaut. Für die eher rockige und stellenweise sehr anspruchsvolle Musik der Show hat St. Gallen einer superben Cast zu bieten: NAOMI SIMMONDS ist eine selbstbewusste starke Mimi mit herrlich souliger Stimme und doch gibt es auch zerbrechliche und sehr feine Momente, DOMINIK HEES – als indisponiert angekündigt – rockt gewaltig als Roger Davis, THOMAS HOHLER ist ein solider Mark Cohen mit dezent intellektuellem Touch, JEANNINE MICHELE WACKER dreht als Maureen Johnson richtig auf, umwerfende grossartige Energie, prachtvolle Stimme, eine köstliche Karikatur der New Yorker Performance-Szene aus dieser Zeit! Wunderbares bodenständiges Pendant dazu: KERRY JEAN als ihre Lebenspartnerin und grosse Liebe Joanne Jefferson, VIKRANT SUBRAMANIAN als Benjamin „Benny“ Coffin III begeistert mit sehr fundierter Stimme (ich kannte ihn nicht – eine Entdeckung!), DANIEL DODD-ELLIS ist ein sanfter, liebenswerter Tom Colllins und natürlich eine Erscheinung – egal in welchem Fummel: GONZALO CAMPOS LÓPEZ als Angel Dumont Schunard mit glockenreinem Tenor und umwerfender Präsenz. Die vielen weiteren Rollen sind mit einem sehr starken Ensemble – musikalisch und darstellerisch – auf hohem Niveau besetzt: GERD ACHILLES, RACHEL COLLEY, AMAYA KELLER, ROBERT LANKESTER, FLORIAN MINNEROP, JESSICA RÜHLE, TOBIAS STEMMER, SANDER VAN WISSEN, LARA DE TOSCANO, TAMARA WÖRNER, ADRIAN HOCHSTRASSER. Diese Qualität ist man gewohnt am St. Galler Haus, hier gibt es langjährige Musical-Erfahrung. Im Graben grooved und rockt die Rent-Band unter der musikalischen Leitung von CHRISTOPH BÖNECKER. Die Choreographien von LOUISA TALBOT sind leider nicht besonders spannend, wirken ein wenig verstaubt, das Ensemble tanzt überwiegend am Platz, bewegt sich wenig, etwas mehr Pep hätte dem Ganzen gut getan.

Eine hervorragend produzierte Show ist diese St. Galler „Rent“-Produktion, wären nicht die absolut grausamen deutschen Texte, die mich komplett ablöschen und zwar von Anfang bis zum Schluss, das ist mein ganz persönlicher Aufreger. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man sich dafür entschieden hat, alles auf deutsch zu spielen, die wenigen Sprechtexte wären gerade noch ok gewesen (wobei ich die gespielte Übersetzung von Wolfgang Adenberg auch alles andere als organisch finde!), aber die Songtexte in deutscher Übersetzung sind furchtbar. Wie wohl fühlt man sich, wenn nach der Pause „Seasons of Love“ im Original zu hören ist – wunderbar ist das! Das ist für mich absolut unverständlich und ein ganz grosses Manko des Abends. Ansonsten ist „Rent“ ein wichtiges Zeitdokument, eine immer noch gute Story, ein Klassiker der 90er Jahre, sehr bewegend und ein wichtiges sichtbares Statement der LGBTQI-Community auf der Bühne. „Rent“ sollte man ruhig ab und zu wieder ausgraben und auf die Bühne bringen – aber bitte nur im englischsprachigen Original!
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